Der goldene Schlüssel

Dr. Tilman Spreckelsen eröffnet mit seiner Vorlesungsreihe „Der goldene Schlüssel“ die neu gegründete Grimm-Bürgerdozentur der Stadt Hanau und des Instituts für Jugendbuchforschung

Zum Wintersemester 2016/17 haben die Brüder-Grimm-Stadt Hanau und das Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt eine neue Initiative ins Leben gerufen. Mit der Grimm-Bürgerdozentur sollen nun alle zwei Jahre Personen ausgezeichnet werden, die sich um die Arbeit mit und den Erhalt des literarischen Erbes der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm verdient gemacht haben. Verbunden mit der Grimm-Bürgerdozentur ist eine Vortragsreihe, die die Werke und das Wirken der Brüder Grimm einen breiten Publikum zugänglich machen sollen. Sowohl die Dozentur, als auch die Vortragsreihe werden unterstützt von der Brüder-Grimm-Stiftung der Sparkasse Hanau, dem Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität, der Märchen-Stiftung Walter Kahn und dem Hanauer Geschichtsverein 1844 e.V. Konzipiert wurde die Reihe von Dr. Claudia Maria Pecher, Märchenforscherin am Institut für Jugendbuchforschung, und Diplom-Politologe Martin Hoppe, Fachbereichsleiter Kultur, Stadtidentität und Internationale Beziehungen der Stadt Hanau.

Preisträger der ersten Grimm-Bürgerdozentur war im letzten Jahr Dr. Tilman Spreckelsen, Literaturredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Journalist, Autor und Redakteur recherchiert schon seit vielen Jahren im Bereich der Grimm-Forschung und macht seine Ergebnisse – ganz im Sinne der Dozentur – durch seine Veröffentlichungen einem breiten Publikum zugänglich und sorgt damit für eine kontinuierliche Sichtbarkeit der Brüder Grimm bis in die Gegenwart. In der Begründung zur Verleihung der Grimm-Bürgerdozentur heißt es: „Dr. Tilman Spreckelsen hat sich als ein außergewöhnlich versierter Fürsprecher für die Grimm’schen Märchen und deren Fortwirken, insbesondere in der Kinder- und Jugendliteratur, erwiesen.“ Neben seiner sachlich brillianten Auseinandersetzung mit den Brüdern Grimm wurde mit der Verleihung der Grimm-Dozentur auch sein erzählerisches Talent gewürdigt. Neben den Grimm’schen Märchen hat er sich ebenso intensiv mit der nordischen Mythologie beschäftigt und diese Erzähltraditionen zeitgemäß aktualisiert. So erschienen im Verlag Galiani seine Nacherzählungen des finnischen Nationalepos „Kalevala“ sowie ausgewählte Isländer-Sagas. Im Verlag S. Fischer gibt er außerdem die viel beachtete Kinder- und Jugendbuchreihe „Die Bücher mit dem blauen Band“ heraus. Für sein Krimidebüt „Das Nordseegrab“ erhielt Spreckelsen 2014 den Theodor-Storm-Preis der Stadt Husum. An die Grimm-Dozentur gebunden ist eine dreiteilige öffentliche Vorlesungsreihe, die in diesem ersten Jahr zur Preisverleihung am 7. Dezember 2016, sowie am 19. Januar und 24. Februar 2017 stattfand.

Die Verleihung der Grimm-Dozentur an Tilman Spreckelsen durch Claus Kaminsky, Oberbürgermeister der Stadt Hanau und Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, Vizepräsident der Goethe-Universität fand in den märchenhaften Räumen des Hanauer Schlosses Philippsruhe statt. Zum Auftakt wie auch als Entreakt (Zwischenspiel) und zum Ausklang interpretierte der virtuose Hanauer Querflötist Philipp Mellies Werke von Kuhlau, Paganini und Marin Marais. In seiner Begrüßungsrede hob Oberbürgermeister Kaminsky die „logische Partnerschaft“ zwischen der Stadt Hanau und dem Institut für Jugendbuchforschung hervor und verwies auf die historische Verbundenheit der Stadt Hanau mit den Brüdern Grimm. Davon zeugen neben dem Brüder-Grimm-Denkmal die immer wieder kehrenden Ausstellungen und Veranstaltungen zu Leben und Werk der Brüder Grimm. Aktuell zeigt das Schloss Philipsruhe eine Kabinettausstellung zu „Charles Perrault und die Brüder Grimm“ und für 2018 ist dort ein Kindermitmach-Museum zu den Grimm’schen Märchen geplant.

Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz lobte die hervorragend die Wahl von Tilman Spreckelsen als Preisträger: „Wir können uns keinen besseren Preisträger vorstellen“, bestätigte er die Entscheidung der Jury. Auch wenn ihm Tilman Spreckelsen vorher nicht geläufig gewesen sei, sei er nach gründlichem einlesen begeistert von dessen Arbeit. Auch für das Institut für Jugendbuchforschung war er voll des Lobes und nannte es einen der besonderen Schätze der Goethe-Universität.

Anschließend an die feierliche Überreichung der Urkunde hielt der Preisträger seinen ersten Vortrag mit dem Titel: „Das schlechte Blatt des Junkers von Eschwege, oder: Die Spätfolgen einer Kindheit im Schatten der Löwenburg“. Virtuos spannte Tilman Spreckelsen einen Bogen von der Beisetzung Wilhelm I., Kurfürst von Hessen-Kassel, und vom traurigen Schicksal seines Totenritters Christian von Eschwege, über die Kasseler Löwenburg, die der Autor seit seiner Kindheit in allen Facetten kenne bis zum „Totenhemdchen“, dem Märchen, das der „unsichtbare“ Bruder der Grimms, Ferdinand Philipp, wohl aufgezeichnet hatte.

Zum Abschluss der Veranstaltung hielt Märchenforscherin Dr. Claudia Maria Pecher in Bezug auf den Titel der Vorlesungsreihe eine Rede zur geschichtlich-literarischen Bedeutungen des Schlüssels. Sie ließ die unterschiedlichen Bedeutungen des Schlüssels im Märchen, etwas zu verschließen und zu bewahren, aber auch die Tür zu Unbekanntem zu öffnen, Revue passieren, bevor sie ganz im Sinne der Märchentradition kleine geheimnisvolle „Schatzkästlein“ unter den Gastgeber*innen und Laudator*innen verteilte.

Am 19. Januar 2017 fand auf dem Campus Westend die zweite Vorlesung statt mit dem Titel: „Das Märchen von Beedle, dem Barden, oder: Harry Potter und der lange Schatten der Brüder Grimm“. Zur Einführung sprach Prof. Dr. Ute Dettmar, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Jugendbuchforschung.

Seinen Vortrag begann Tilman Spreckelsen jedoch nicht mit Joanne K. Rowlings Bestseller-Romanen, sondern mit einem anderen Großmeister der phantastischen Literatur: J. R. R. Tolkien, der sich neben dem Schreiben seiner Mittelerde-Romane auch mit Märchenforschung beschäftigte. Von Tolkiens Verständnis von Märchen über den noch immer gegenwärtigen Eskapismusvorwurf an Fantasy-Literatur und Märchen kam Tilman Spreckelsen zum Verhältnis der Märchen zur Realität und stellte hierzu drei Thesen vor: 1. Im Märchen kommt jeder zu sich selbst, 2. Im Märchen wird für alles bezahlt, 3. Im Märchen kommt man nie an ein Ende. Anhand dieser Thesen erläuterte der Preisträger den zahlreich erschienenen Zuhörenden unterschiedliche Aspekte des Märchens, wie die Entzauberungsmaschinerie im Grimm’schen „Hans, mein Igel“, die kapitalistische Ausbeutung im schwedischen Märchen „Lasse, mein Knecht“ und die Spiegelung einer mitleidlosen, kalten, industrialisierten Gesellschaft in H. C. Andersens „Die Schneekönigin“ und verwies auf häufige Motiv der letztendlichen Überwindung der für die Märchen so typischen Magie. Anhand der Märchen aus Joanne K. Rowlings magischer Welt der Harry Potter-Romane – u.a. „Das Märchen von Beedle dem Barden“ und „Babbitty Rabbitty und der gackernde Baumstumpf“ –, zeigte Tilmann Spreckelsen, dass Märchen nicht nur immer in einem bestimmten Verhältnis zur Realität stehen, sondern auch Identität stiften und gar handlungsbestimmend sein können. Die Entscheidung, ob das im Märchen verhandelte als real angesehen werden kann, bleibt jedoch auch nach einer eingehenden Analyse des Märchens „Die drei Brüder“, dass für Harry Potter zum Schlüssel für den Kampf gegen Voldemort wird, den Zuhörenden bzw. Lesenden überlassen.

Die letzte Veranstaltung der Vorlesungsreihe fand im Kulturforum Hanau am 24. Februar 2017 statt und richtete sich an Schüler*innen der Oberstufenkurse Deutsch. 150 Oberstufenschüler aus der Otto-Hahn-Europaschule, der Karl Rehbein Schule und der Hohen Landesschule versammelten sich an diesem Tag im Forum der neuen Stadtbibliothek Hanau im City Forum, um Tilman Spreckelsens Vortrag „Jacob und Will Reckless hinter dem Spiegel, oder: Warum uns die Welt der Märchen keine Ruhe lässt“ zu lauschen.

Bei der anfänglichen Frage, wer unter den Anwesenden denn noch Märchen lese bzw. kenne, blieben noch viele Hände unten, doch dem Vortrag lauschten die Jugendlichen gebannt und stellten im Anschluss interessierte Fragen. Tilman Spreckelsen präsentierte die Lektüre von Märchen als eine nach wie vor lesenswerte Phantasiewelt. da sich in der Tradition und der Überlieferung alter Stoffe und Motive durchaus aktuelle Bezüge zur modernen Lebenswelt sehen ließen. Märchen gäben Wahrheiten wieder, die zeitlos bleiben: Ein Goldesel wäre schließlich auch in der Moderne ein Glücksfall und stünde mit hoher Rendite bei geringer Kostenstruktur sicher bei jedem Businessman hoch im Kurs. Doch nicht nur auf die Märchen der Brüder Grimm, sondern auch auf die Märchenwelten anderer Länder verwies der Preisträger; insbesondere auf den finnischen Mythenkreis der Kalevala. Diese ist ein von Elias Lönnrot im 19. Jahrhundert auf der Grundlage von mündlich überlieferter finnischer Mythologie zusammengestelltes Epos, das als finnisches Nationalepos gilt und u. a. die Geschichte des alten und weise Sänger Väinämöinen erzählt. Spreckelsens Erzählung der finnischen Mythen faszinierte die Jugendlichen, vor allem die tragische Geschichte um die unglückliche Aino, die von ihrem Bruder Joukahainen an den alten Väinämöinen vergeben wird und sich daraufhin ertränkt, zog kritische Fragen nach sich. Das Fortwirken solcher Mythen und auch der Grimm’schen bis in unsere Zeit, zeigte Tilman Spreckelsen auch an Cornelia Funkes Reckless-Reihe, die vielen der Zuhörenden bekannt war, und in der der Jugendliche Will seinen Bruder Jakob in einer wunderbaren Welt hinter dem Spiegel vor tödlichen Gefahren retten muss. Der Schatten der Brüder Grimm zieht sich bis in die aktuelle Jugendliteratur.

Diesem Umstand möchte die Grimm-Dozentur Rechnung tragen und nun alle zwei Jahre eine Person ehren, die sich um das Erbe der Brüder Grimm verdient gemacht hat. Die daran gekoppelte Vortragsreihe leistet einen Beitrag zur aktuellen Grimm-Forschung und möchte vor allem das Wissen um Leben und Werk der Grimms einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Im Jahr 2018 wird daher erneut ein spannendes Kapitel der Grimm-Forschung aufgeschlossen.

Einladung zur Vorlesungsreihe der ersten Grimm-Bürgerdozentur

am Mittwoch, den 7.12.2016, um 18 Uhr im Schloss Philippsruhe in Hanau

Das Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt am Main und die Brüder-Grimm-Stadt Hanau laden Sie sehr herzlich zur Verleihung der ersten Grimm-Bürgerdozentur an Dr. Tilman Spreckelsen am Mittwoch, den 7.12.2016, um 18 Uhr s.t. ins Schloss Philippsruhe, Philippsruher Allee 45, in 63454 Hanau-Kesselstadt sowie zur dreiteiligen Vorlesungsreihe „Der goldene Schlüssel“ ein.

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte der Pressemeldung anbei.

Einladung zur Vorlesungsreihe der ersten Grimm-Bürgerdozentur - am Mittwoch, den 7.12.2016, um 18 Uhr im Schloss Philippsruhe in Hanau

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