Hier finden Sie einzelne Rezensionen aus den Jurys.

Christoph W. Markowetz: Ich höre dich.

Mit Illustrationenen von Monika Müller.
Unter Mitarbeit von Waldemar Skrobanek.
Mit einem Vorwort von Markus Schiefer Ferrari.
Erlenbach-Lauterschwan: Lauterblätter 2016. Ab 8 Jahren. ISBN: 978-3-9811083-5-4.

„Ich kann dich nicht lachen hören, / ich kann dich nicht weinen hören, / ich kann dich nicht singen hören, / ich kann dich nicht mal schreien hören, / ich kann DICH nicht hören.“
Mit diesem Text beginnt ein eher ungewöhnliches Buch, im Kontext der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur betrachtet.
Das Buch ist in HANDARBEIT gefertigt, besitzt aber eine ISBN (-Nummer). Es kann also vervielfältigt und damit auch bestellt werden. Die Illustrationen von Monika Müller verweisen auf eine weitere Besonderheit. In ihren farbigen, eher traditionellen Zeichnungen vom Baum mit Vogel, Käfer, Eidechse, Igel, die nacheinander zu sehen sind, kleben erst eins, dann zwei Stoff- Herzen. Diese Stoff-Herzen heben sich plastisch auf jeder rechten Seite des Buches heraus. Sie bedienen sich der Zeichen von Smileys. Man kann, darf, sollte sie anfühlen. Überraschend diesbezüglich die Entdeckung, dass sich der Stoff des roten Herzens sanft anfühlt, hingegen der Stoff des braunen Herzen spröde ist. Die letzte Zeichnung im Buch zeigt uns zwei rote Herzen, die beim Anfühlen aus Samt zu sein scheinen.
Der Autor, Christoph W. Markowetz erzählt zu und mit den Bildern eine Geschichte von zwei Herzen, einem lachenden, dem roten, und einem mürrischen, dem braunen Herzen, eine Geschichte über Gefühle. Für das Fühlen steht „seit der Antike“ (ebd., 31) das Herz als Symbol. Die beiden Herzen könnten gegensätzlicher nicht sein: Das lachende rote Herz spricht das mürrische braune Herz an und fragt, wer es sei und wohin es wolle. Das braune Herz bezweifelt, ob das einer überhaupt wissen will. Aber es schließt sich dem positiv fühlenden Herzen an. Unterwegs treffen sie verschiedene Tiere, denen ein Unglück geschah und die deshalb weinen. Das sind der Käfer mit dem gebrochenen Flügel, die Eidechse, die den Schwanz verlor, der Vogel, der nicht mehr singen kann und der Igel, der kein Zuhause mehr hat. Indem das rote Herz fragt, was sei und aufmerksam zuhört, kann das traurige Geschehen etwas verarbeitet werden. Den Betroffenen geht es „schon viel besser“ (ebd. 10, 14,18, 22). Wie den Tieren das Unglück passierte, das spart der Autor aus und schafft damit einen Impuls für den Leser/ Zuhörer, sich das Geschehen selbst auszudenken. Für die verschiedenen Begegnungen der Herzen mit den Tieren nutzt der Autor sich wiederholende Sprachmuster, die lediglich im Verlust dessen, was verloren ging, variieren. Ein gelungenes Element für Sprach- und Sprechbildung und zugleich für die Konzentration des Lesers auf das Wesentliche. Es prägt sich ein, dass immer das fröhliche Herz zuhören will. Damit ist das Credo der Geschichte angesprochen: Sie will aufmerksam machen auf ein bewusstes HÖREN. Das Organ besitzen wir, aber hören wir auch „ die leisen Töne und [die] Stille in unserer Wirklichkeit“? (Ebd., 5) Und sind wir sensibel genug für die Stimmen und Anliegen anderer Menschen“? (Ebd.). Aktuelle Fragen, die das Hören und Fühlen ansprechen und im Verlauf des knappen Textes zeigen, dass beides erlernbar ist, was sich am braunen Herzen zeigt. Das braune mürrische Herz möchte zunächst nichts wissen vom Leid der verschiedenen Tiere. Es „interessiert“ (ebd. 12) sich nicht dafür, was mit dem Käfer, der Eidechse geschah. Fremder Schmerz ist ihm fremd. Die Änderung seines Verhaltens setzt mit dem Vogel ein, der nur noch krächzt und nicht mehr singen kann. Da klingt die Stimme des braunen Herzens „besorgt“ (ebd. 20). Und das Klagelied des Igels führt dazu, dass das braune Herz ihn „hören“ (24) kann. „Seit diesem Moment schlugen die Herzen im Gleichklang“ (29) und sind von der Illustratorin beide in der Farbe Rot und im gleichen Stoffelement gestaltet.
Mit dem Motiv der Herzen im Gleichklang, mit dem die Geschichte endet, können neue Erzählungen des Lesers beginnen.

von Prof. Dr. Gudrun Schulz
(Buch des Monats, Juryvorsitz)

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