EXTRABLATT 5/2026
Für Demokratie, Freiheit und ein friedliches Miteinander
Empfohlen von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur und der Landesfachstelle für Büchereien und Bildung im Sankt Michaelsbund
Redaktionsteam: Dr. Jana Mikota (Verfasserin der Buchempfehlungstexte) • Dr. Claudia Maria Pecher • Martin Anker M. A. • Markus Lefrançois
Demokratie beginnt nicht in den Parlamenten, sie beginnt ganz konkret in unserem alltäglichen Miteinander. Sie macht uns so viel stärker, denn sie fordert die aktive Auseinandersetzung mit dem Gegenüber ein: Im Zuhören und Widersprechen, im Aushandeln und Nachgeben, in der Bereitschaft, den anderen nicht auf seine Herkunft, seinen Glauben oder seine Meinung zu reduzieren. Sie nimmt Verschiedenheit als Anlass zur Diskussion und als Ausgangspunkt für das gemeinsame Leben. Das ist ein großartiges Konzept.
Die Bücher dieser Auswahl erzählen von Momenten der Freiheit und ihrer Bedrohung, von Freundschaft und Fremdheit, von Flucht und Ankommen, von Krieg, Verfolgung und Entrechtung. Sie führen zurück in die Geschichte und mitten in die Gegenwart. Sie erzählen von Menschen, die sich zwischen Anpassung und Widerspruch entscheiden mussten. Im Zentrum steht dabei die einfache, aber so anspruchsvolle Frage: Wie wollen wir miteinander leben?
Bücher zeigen Wege der Verständigung. Sie lassen uns andere Erfahrungen teilen, ohne sie selbst erlebt haben zu müssen. Sie öffnen Perspektiven, wo sich Wahrnehmungen verhärten, und schaffen Raum für Zweifel, Urteilskraft und Empathie. Das ist gerade jetzt von großer Bedeutung: Wenn gesellschaftliche Debatten schärfer werden, einfache Antworten Konjunktur haben und die Versuchung wächst, die Welt in ein „Wir“ und „die anderen“ zu teilen.
Die folgenden Bücher setzen dieser Vereinfachung Geschichten entgegen. Sie machen Mut, worauf eine freie Gesellschaft angewiesen ist: Auf Menschen, die ihre eigene Freiheit nicht gegen die Freiheit anderer verteidigen, sondern beides im Alltag, im Gespräch und im gemeinsamen Leben zusammendenken.
Christiane Wittenburg
Schatten ist für alle da!
Ein tierisch demokratisches Bilderbuch
Mit Illustrationen von Katja Jäger.
Bielefeld: CalmeMara 2026.
32 Seiten. 22 Euro. Ab 5 Jahren.
ISBN 978-3-948877-87-3
Auf dem Bauernhof ist es heiß, Schattenplätze unter der alten Eiche sind begehrt und knapp. Als immer mehr Tiere dort Abkühlung suchen, entsteht Streit: Wem gehört der Schatten, und wer darf entscheiden? Gemeinsam suchen die Tiere nach einer Lösung und lernen dabei, Konflikte demokratisch und gleichberechtigt zu lösen. Das Bilderbuch verbindet Klimaveränderungen und Demokratie auf humorvolle Weise und bietet viele Anknüpfungspunkte für Gespräche.
Jörg Bernardy
Woran glaubst du?
Dein Gott – Mein Gott – Kein Gott
Mit Illustrationen von Nini Alaska.
Frankfurt am Main: FISCHER Sauerländer 2026.
128 Seiten. 20 Euro. Ab 9 Jahren.
ISBN 978-3-7373-7375-3
Das Sachbilderbuch erklärt, was Glaube bedeutet und wie er gelebt wird. Bernardy wendet sich verschiedenen Religionen zu und zeigt, welche Gefahren entstehen können, wenn Glaube missbraucht wird, aber auch, welche Bedeutung er für den Frieden haben kann. Ein Buch, das zum Nachdenken und zum Gespräch einlädt.
Markéta Pilátová
Ernst und Lustig
Mit Illustrationen von Eliška Soffer Podzimek.
Aus dem Tschechischen von Lea Krautzberger, Blanka Libera u.a.
Düsseldorf: Karl Rauch 2026.
80 Seiten. 20 Euro. Ab 10 Jahren.
ISBN 978-3-7920-0393-0
Ausgehend vom Namen des bekannten tschechischen Autors Arnošt, auf Deutsch Ernst Lustig (1926–2011), erzählen Autorin und Illustratorin die Stationen seines Lebens in Text und Bildcollagen. Seine Kinder stellen zahlreiche Fragen und nähern sich so den komplexen Themen der Gegenwart. Lustig, der den Holocaust überlebte, erzählt von seiner Familie und davon, wie es ihm gelang zu überleben. Eines der ungewöhnlichsten Bücher, die einem Autor zu seinem 100. Geburtstag gewidmet wurden.
Stefanie Taschinski
Die Mutsammlerin
Mit Illustrationen von Bea Davies.
Mit einem Nachwort von Bernhard Esser.
Frankfurt am Main: FISCHER Sauerländer 2026.
210 Seiten. 15 Euro. Ab 10 Jahren.
ISBN 978-3-7373-7648-8
Emmi findet im Haus ihrer Großeltern das Tagebuch ihrer Ururgroßmutter Elsa und taucht ein in die Welt der 1930er-Jahre. Sie erfährt, wie sich das Leben der Menschen veränderte und was Unterdrückung und Entrechtung bedeuten – und liest zugleich von Elsas Mut. In der Gegenwart muss sie sich fragen, was Mut und Menschlichkeit bedeuten. Inspiriert von einer wahren Geschichte erzählt die Autorin eindringlich und berührend von einer Zeit, die sich nicht wiederholen darf!
Tea Ranno
Die Straßenbahn ins Leben
Inspiriert von Emanuele Di Porto und seiner Flucht aus dem jüdischen Ghetto von Rom
Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming.
München: mixtvision 2026.
160 Seiten. 16 Euro. Ab 12 Jahren.
ISBN 978-3-95854-273-0
Rom, Oktober 1943: Der 12-jährige Emanuele kann sich dank seiner Mutter vor der Deportation in eine Straßenbahn retten. Dort versteckt er sich mehrere Tage, wird von Straßenbahnern versorgt und schließlich vor der SS verborgen. Die Autorin hat den fast 90-jährigen Emanuele getroffen und sich seine Geschichte erzählen lassen. Konsequent aus der Perspektive des damals Zwölfjährigen erzählt, ist ihr ein beeindruckendes Zeitdokument gelungen!
Rüdiger Bertram
FRONT
Mit Illustrationen von Heribert Schulmeyer.
Frankfurt am Main: Rotfuchs 2026.
160 Seiten. 18 Euro. Ab 12 Jahren.
ISBN 978-3-7571-0232-6
Die Länder, aus denen Adam und Zero stammen, führen Krieg. Die Jungen leben mit ihren Familien in Deutschland, doch auf dem Schulhof setzen sie die Kämpfe fort. Beide wollen zurück an die Front, denn dort wird ihre Hilfe gebraucht. Schließlich landen sie im selben Hilfstransport Richtung Kriegsgebiet. Ohne konkrete Orte zu benennen, zeichnet Bertram aktuelle Kriegssituationen nach. Ein ungewöhnlicher Roman über Feindschaft, Krieg und die Möglichkeit zum Umdenken.
Dorit Linke
So leicht kommen wir nicht davon
Würzburg: Arena 2026.
248 Seiten. 16 Euro. Ab 12 Jahren.
ISBN 978-3-401-60853-2
Der Roman erzählt von Hanna und ihrer Ankunft in der BRD nach der dramatischen Flucht aus der DDR. Sie muss sich mit ihrer Vergangenheit und der neu gewonnenen Freiheit ebenso auseinandersetzen wie mit ihren Schuldgefühlen. Als die Mauer fällt, reist sie zu ihren Eltern in den Osten. Dorit Linke erzählt von der Nachwendezeit, dem Rechtsextremismus der 1990er-Jahre und der Suche nach dem eigenen Platz in einer neuen Welt.
Tereza Verecká & Mikulaš Podprocký
Wintons Kinder
Aus dem Tschechischen von Katharina Hinderer.
München: Knesebeck 2026.
224 Seiten. 30 Euro. Ab 13 Jahren.
ISBN 978-3-98962-117-6
Prag 1938/39: Nicholas Winton beginnt, jüdische Kinder aus der Tschechoslowakei zu retten, und bringt 669 von ihnen nach Großbritannien. Ein Wettlauf gegen die Zeit, denn im März 1939 marschiert die deutsche Armee in Prag ein. Die visuell eindrucksvolle Graphic Novel erzählt von dieser Rettungsaktion und vom Mut eines kaum bekannten Netzwerks, das handelte, als andere wegschauten.
Tobi Dahmen & Akram Al Saud
Al-Fazia’ – Das Grauen
Überleben in Syriens Gefängnissen
Hamburg: Carlsen Comics 2026.
128 Seiten. 25 Euro. Ab 14 Jahren.
ISBN 978-3-551-80912-4
Akram Al Saud setzt sich für ein freies Syrien ein, wird verhaftet und gefoltert und erlebt Jahre des Terrors. Dennoch gibt er seinen Kampf nicht auf. Tobi Dahmen greift Al Sauds Geschichte auf und setzt sie eindrucksvoll visuell um. So entsteht ein Werk, das weit über eine Biografie hinausgeht: Es zeigt die Brutalität eines Regimes und macht zugleich deutlich, wie wichtig Demokratie ist.
Jonas Seufert & Lisa Frühbeis
Schattenleben
Menschen ohne Papiere erzählen
Berlin: Reprodukt 2026.
160 Seiten. 24 Euro. Ab 15 Jahren.
ISBN 978-3-95640-515-0
Wer sind die Menschen, die ohne Papiere in Deutschland leben? Es sind Menschen, die nicht gesehen werden. In aktuellen Debatten spricht man über sie, aber selten mit ihnen. Die Graphic Novel gibt ihnen eine Stimme und erzählt ihre Schicksale, die stellvertretend für viele andere stehen. Ein ehrliches und aktuelles Buch, das von allen gelesen werden sollte.
Alice Horáčková
Geteiltes Haus
Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff.
Zürich: Diogenes 2026.
880 Seiten. 28 Euro. Ab 16 Jahren.
ISBN 978-3-257-07400-0
Der Roman erzählt die Geschichte von zwei Frauen, einer Tschechin und einer Deutschen, die im Riesengebirge leben. Geschickt verbindet die Autorin ihre unterschiedlichen Schicksale miteinander und zeigt, wie Freundschaften entstehen – und wie sie durch nationale Gegensätze auf die Probe gestellt werden. Ein Roman, der zum Nachdenken einlädt und zeigt, wie nationales Denken Menschen verändert.
Marjan Kamali
Die Löwinnen von Teheran
Aus dem Englischen von Margarita Ruppel.
Berlin: Adrian 2026.
352 Seiten. 16,95 Euro. Ab 16 Jahren.
ISBN 978-3-985-85376-2
1950, Teheran: Erzählt wird die Geschichte der Mädchen Ellie und Homa, die ihren eigenen Weg gehen und einer neuen Generation angehören möchten. Doch die politischen Veränderungen stellen ihre Freundschaft immer wieder auf die Probe. Klug verwebt die Autorin die Lebensgeschichten der beiden Frauen und erzählt sie bis in die Gegenwart weiter.
Simon Strauß
In der Nähe
Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht
Stuttgart: Klett-Cotta 2025.
240 Seiten. 24 Euro. Ab 16 Jahren.
ISBN 978-3-608-50271-8
Was macht ein gutes Zusammenleben aus? Dieser Frage geht Simon Strauß am Beispiel der Kleinstadt Prenzlau nach und untersucht, wie Gemeinschaft in einer Zeit globaler Krisen und zunehmender Entfernungen gelingen kann. Denn gerade in Kleinstädten lässt sich Demokratie erleben. Sein persönliches Buch beschreibt ostdeutsche und gesamtdeutsche Verhältnisse seit 1945 und zeigt, was wir aus ihnen über Demokratie lernen können.
Holly-Jane Rahlens
Frostblüten
Aus dem Amerikanischen von Christiane Steen.
Frankfurt am Main: Rotfuchs 2026 [erscheint im Oktober 2026].
256 Seiten. 18 Euro. Ab 13 Jahren.
ISBN 978-3-7571-0225-8
Berlin 1946/47: In einem Displaced-Persons-Camp begegnen sich zwei 16-jährige Mädchen: Estera, die die Shoah überlebt hat, und die nichtjüdische Deutsche Lotte, die im Lager putzt. Mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen blicken beide auf die vergangenen Jahre zurück und sehnen sich zugleich nach einer Zukunft. Holly-Jane Rahlens widmet sich damit einer im Jugendbuch bislang kaum thematisierten Zeit und erzählt eindringlich von Überleben, Verlust und dem schwierigen Neubeginn nach der Shoah.













