KIRSTEN BOIE2020-03-18T23:05:42+01:00
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KIRSTEN BOIE

KIRSTEN BOIE WIRD 70!

DIE DEUTSCHE AKADEMIE FÜR KINDER- UND JUGENDLITERATUR GRATULIERT DER HAMBURGER SCHRIFTSTELLERIN UND TRÄGERIN DES GROSSEN PREISES 2008 HERZLICH ZUM GEBURTSTAG

Dieser Glückwunsch verbindet sich mit dem Dank für die Vielfalt der innovativen literarischen Welten, die Kirsten Boie für Kinder und Jugendliche geschaffen hat und für ihr herausragendes Engagement im Rahmen der Leseförderung. Kirsten Boie ist zudem mit ihren Geschichten in vielen Medien zu Hause, weil deren Attraktivität nicht selten den Anreiz für Umsetzungen in Filmen und Hörmedien bot. Angesichts der Fülle der gestalteten Themen und der gewählten ästhetischen Mittel fällt es schwer, in wenigen Worten das Besondere im kinderliterarischen Schaffen dieser Autorin auf den Punkt zu bringen.

Die Breite der Themen ihrer erzählten Geschichten ist ebenso bemerkenswert wie der Verzicht auf ein modisch-oberflächliches „Bedienen“ bevorzugter Trends: Gewalt (Erwachsene reden. Marco hat was getan, Nicht Chicago, nicht hier), Rollenmuster in der Familie und deren Umkehrung (Mit Jakob wurde alles ganz anders), Kinder in „Scheidungsfamilien“ bzw. veränderten Familienformen (Man darf mit dem Glück nicht drängelig sein, Nella Propella), Verschweigen und Verdrängen krisenhafter Beziehungen in der Familie und Generationskonflikte (Mit Kindern redet ja keiner, Das Ausgleichskind), soziale Gegensätze in der Gesellschaft und Leben in verschiedenen Milieus (Ich ganz cool, Prinz und Bottelknabe, Eine wunderbare Liebe). Der Versuch einer thematischen Zuordnung ihrer Geschichten offenbart allerdings wenig von dem, was den Reiz und die Qualität des literarischen Werks von Kirsten Boie ausmacht. Im Gegensatz zu nicht wenigen interessanten realistischen Erzählungen junger Autoren verankert Kirsten Boie ihre Familiengeschichten, ihre Freundschafts- und Liebes-Erzählungen in größere soziale und gesellschaftliche Rahmen.

Uwe-Michael Gutzschhahn

Kirsten Boie
Foto:
Indra Ohlemutz

Dabei ist es erstaunlich, auf welch unterschiedliche Weise die Autorin den Weg zu ihren Lesern findet: Bei der Gestaltung sehr ernsthafter Probleme, die kindliches Leben bedrohen und einschränken können, findet sie zu einer Wahl humorvoller Mittel, die niemals dazu führen, dass die Konflikte banalisiert und weggelächelt werden. Derartige Besonderheiten finden sich in ganz unterschiedlichen ästhetischen Ausdrucksformen in ihren Kinder- und Jugendromanen und auch in ihren Erstlesetexten, die – wie ihre beliebten King-Kong-Geschichten offenbaren – in der Kinderliteratur-Szene unübertroffen sind.

Gleichsam als eine Grundlage ihres künstlerischen Schaffens und sozialen Engagements tritt Kirsten Boie auch mit Überlegungen zur veränderten Kindheit, zu sozialen Benachteiligungen und deren Auswirkungen für kindliches Leben an die Öffentlichkeit. Noch immer ist vielen Akademiemitgliedern in Erinnerung, wie Kirsten Boie anlässlich einer vor Jahren stattgefundenen Jahrestagung ihre Gedanken zum Thema „Realismus im Kinderbuch“ äußerte. In ihrer Antwort auf die Frage „Wie muss man heute für Kinder schreiben?“ offenbarte sich natürlich auch die promovierte Literaturwissenschaftlerin, der es mit ihrer ernsthaften und humorvollen Art gelang – fernab von akademischer Gelehrsamkeit – über das Verhältnis von Inhalt und künstlerische Form nachzudenken.

Erstaunlich ist die Aktualität vieler literarischer Geschichten, die Kirsten Boie bereits vor Jahrzehnten entworfen hat – das betrifft das Thema Gewalt ebenso wie das Leben im veränderten Familien- und Generationen-Kontext. Das bedeutet auch, ihre Geschichten sind nicht von der Wirklichkeit überholt worden, sondern sie widerspiegeln, wie seismographisch die Autorin individuelle und soziale Brennpunkt-Themen gespürt und gestaltet hat. Dazu gehört auch ihr Interesse am Leben in weit entfernten Regionen und an der gegenwärtig bedrängenden Fluchtproblematik in ihren Auswirkungen auf kindliches Leben. Die Texte Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen und Bestimmt wird alles gut offenbaren den ästhetischen Gestaltungsspielraum der Schriftstellerin – von den berührenden Geschichten bedrohter und beschädigter Kindheit bis zu Hoffnung verheißenden Möglichkeiten einer Rettung.

Kirsten Boie hat für ihr Werk und ihr soziales Engagement eine Fülle von Preisen und Auszeichnungen erhalten – auch den Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, mit dem insbesondere ihr literarisches Werk gewürdigt wurde. Zudem empfinden die Mitglieder der Akademie großen Dank für Kirsten Boies außerordentliches Engagement im Rahmen der Leseförderung, das nicht zuletzt in ihrer Heimatstadt Hamburg kürzlich große Anerkennung erfuhr.

Eine Betrachtung des facettenreichen Wirkens der Jubilarin regt die Frage nach dem Zentrum ihres Schaffens an, die dann zu der überraschenden Antwort führen dürfte, dass sich alle Teile zu einer Einheit fügen: ein großes soziales Engagement, ein Gespür für die Hintergründe gesellschaftlicher Konflikte und Dissonanzen, eine enorme Begabung in der Entfaltung künstlerischer Welten, die die wahrgenommenen realen Welten in überraschenden Szenarien offenbaren. Kirsten Boie ist sensible Beobachterin und aktive Gestalterin zugleich.

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur und ihre Mitglieder wünschen der Autorin weiterhin viele Ideen in der Entfaltung ihrer künstlerischen Welten und in ihrem Wirken im Rahmen der Leseförderung. Einen spezifischen Dank möchte die Akademie mit ihrer nächsten Jahrestagung zum Ausdruck bringen: Im Umfeld des Geburtstags befasst sich die Akademie intensiv mit dem Werk von Kirsten Boie und stellt die Tagung im Jahr 2021 unter das Thema „Das Erzählwerk von Mirjam Pressler und Kirsten Boie im Kontext der Wandlungsprozesse realistischen Erzählens in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart“ (weitere Informationen folgen zu gegebener Zeit auf der Website der Akademie). Auf diese Weise kann es gelingen, im diachronen und synchronen Prozess die Spezifik der literarischen Texte Kirsten Boies zu erfassen, einen facettenreichen Zugang zu diesem einzigartigen Werk zu bieten und die Vielfalt der von Kirsten Boie gestalteten Themen und die Originalität der gewählten ästhetischen Mittel und Strukturen zu zeigen. Die Wahl des Kontextes eröffnet zugleich die Möglichkeit des subtilen Erfassens von Traditionslinien, die sich im Schaffen von Kirsten Boie spiegeln. All diese Aspekte sollen in der Tagung in einer Weise thematisiert werden, dass die Originalität des einzelnen literarischen Textes nicht hinter theoretischen Einordnungen verschwindet, sondern dessen ästhetische Einzigartigkeit gerade durch eine Kontextualisierung erhellt wird.

Für die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur
Prof. Dr. Karin Richter

19. März 2020

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