JOSEF GUGGENMOS-PREIS FÜR KINDERLYRIK2019-07-08T23:02:42+02:00
PREISE & AUSZEICHNUNGEN
AUSSCHREIBUNGEN
JOSEF GUGGENMOS PREIS FÜR KINDERLYRIK

JOSEF GUGGENMOS-PREIS FÜR KINDERLYRIK

2018: Michael Hammerschmid

Michael Hammerschmid

Schlaraffenbauch

Mit Bildern von Rotraut Susanne Berner.
Frankfurt am Main, Wien, Zürich 2018: Edition Büchergilde.
32 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN 978-3-86406-092-2

Einer spannt den Bogen auf, beginnt mit „bitter weinst du“ und endet mit „was machen wir nun?“. Dazwischen findet eine feine Entwicklung statt, die der Beobachter wach registriert, vom Tränenstrom über das allmähliche Versiegen der Tränen, vom Überwältigtsein durch schwarze Gedanken über das Aufhellen des inneren Horizonts bis zur sanften Auflösung des Kummers. All das begleitet der Lyriker als Momentaufnahme, und das fragile Gleichgewicht zwischen dem Beobachter, dessen Worte zugleich beschreiben und trösten, und dem Bekümmerten setzt sich in vielen ähnlichen Konstellationen der 24 Gedichte dieses Bandes fort. Es sind Begegnungen, die zu Texten werden und solche wundervollen Zustandsbeschreibungen motivieren wie „ich muss viel / nichts tun, gut?“, die uns beschäftigen, weil sie sich nicht vollständig auflösen. Reime scheinen auf und verschwinden wieder, um wiederzukehren, wenn wir es nicht erwarten. Und so irrlichtern die Gedichte von Michael Hammerschmid in ihrer Form fröhlich zwischen den beiden Polen der Beckmesserei und der Willkür, ohne je einem von ihnen zu nahe zu kommen. Die Farbbilder von Rotraut Susanne Berner, die diese Gedichte in die von ihr herausgegebenen „Tollen Hefte“ aufgenommen hat, sind genauer Lektüre ebenso geschuldet wie dem Willen zur interpretatorischen Freiheit, zum Neuschaffen des Vorgefundenen. Entstanden ist ein funkelndes kleines Meisterwerk aus eigenem Recht.

Michael Hammerschmid, geboren 1972 in Salzburg, lebt als freier Autor und Vater zweier Töchter in Wien. Er unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst im Institut für Sprachkunst und an der Universität Wien im Bereich Germanistik, Schreiben, Poetik und Lyrik. Der Träger mehrerer Literaturpreise moderiert und kuratiert Lyrik-Festivals und beschäftigt sich unter anderem mit den Schnittpunkten von Literatur und Bildender Kunst.

Uwe-Michael Gutzschhahn

Michael Hammerschmid,
Foto:
© Barbara Schwarcz

Die Vergabe des Preises wurde unterstützt von der Marktgemeinde Irsee, der Schwabenakademie Irsee, der Kulturstiftung Irsee, die das Preisgeld zur Verfügung stellte, von der Kurt und Felicitas Viermetz Stiftung Augsburg sowie von der Akademie Faber-Castell, die einen „perfekten“ Bleistift überreichte.

Die Preisvergabe fand am 16. November 2018 im Rahmen der Fachtagung „Eine neue Sicht auf das Kindergedicht“ in der Schwabenakademie Irsee statt, dem Lebensort des namensstiftenden Lyrikers Josef Guggenmos (1922 – 2003).

Die Jury für den JOSEF GUGGENMOS-PREIS FÜR KINDERLYRIK 2018

  • Prof. Dr. Dr. Kurt Franz (Ehrenpräsident der Akademie)
  • Dr. Claudia Maria Pecher (Präsidentin der Akademie)
  • Arne Rautenberg (Lyriker, Preisträger 2016)
  • Dr. Tilman Spreckelsen (Redakteur, FAZ)
  • Ulrich Störiko-Blume (Vizepräsident der Akademie i. V.).

EMPFEHLUNGSLISTE 2018

Die Jury hat die Produktion deutschsprachiger Gedichtbände der Jahre 2017 und 2018 geprüft; es sind 64 Bücher und 103 unveröffentlichte Manuskripte eingereicht worden. Fünf besonders gelungene Bücher sind für die Empfehlungsliste ausgewählt worden.

Sonja Danowski (Text und Illustration)

Smon Smon

Zürich: NordSüd 2018.
44 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN 978-3314-10415-2

Die archaische Welt, in welche uns die Künstlerin Sonja Danowski in ihrem Bilderbuch mitnimmt, reicht bis in die Sprache hinein: Das Smon Smon lebt auf dem Planeten Gon Gon. Dürre Sätze mit unbekannten Vokabeln begleiten die Odyssee des kleinen Smon Smon durch eine surreal-amorphe Sphäre. Selbst aus der schroffsten Einöde kann eine staunenswert friedliche Stimmung erblühen – wenn sie poetisiert wird. Manchmal braucht es eine ganz andere Welt, um die eigene besser verstehen zu können.

Uwe-Michael Gutzschhahn

Die Muße der Mäuse

Mit Zeichnungen von Manfred Schlüter.
Nettetal: Elif 2018.
80 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN 978-3-946989-11-0

Die große Erfahrung des Übersetzers, Anthologisten und Lyrikers ist in diesem bibliophil ausgestatteten Büchlein durchgehend spürbar. Das beginnt in der Alliteration des Titels und setzt sich fort in der Übernahme von bewährten Rastern und Stilmitteln für das eigene Schaffen in den jeweils 15 Gedichten der drei Abteilungen, ob im Schlaflied, in der Verkehrten Welt oder im Märchen. In bester Guggenmos’scher Manier werden nicht nur Mäuse und Katzen poetisiert, auf einem ganzen Bestiarium fußt die Fabulierkunst des Autors, dessen geistreiche Kreativität die bekannte Welt in neue Bilder verwandelt. Sein hintergründiger Humor und sein sprachlicher Nonsens loten genau das aus, was Kinder brauchen und was ihnen gefällt. Mit der außergewöhnlichen Illustration, die durchgehend eine geographische Weltreise simuliert, und der vom Autor besprochenen beigelegten CD eine rundum gelungene Ausgabe mit Kindergedichten, die ebenso erwachsene Leser und Hörer begeistern wird.

Franz Hohler

Am liebsten aß der Hamster Hugo Spaghetti mit Tomatensugo

Mit Illustrationen von Kathrin Schärer.
München: Carl Hanser 2018.
64 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN 978-3-446-26055-9

Reim dich oder ich fress dich – das sagt man, wenn einem Verse arg bemüht vorkommen. Bei Franz Hohlers Tiergedichten dagegen wundert sich niemand, wenn der Lämmergeier die falschen Eier ausbrütet. Unbebrütet sehen viele Eier gleich aus, unbearbeitet sehen viele Wörter gleich aus – aber in Reimform gebracht von einem Meister der Sprache, zeigen die Wörter, was alles in ihnen stecken kann. Ist das große Kunst? Bei Franz Hohler meint der große graue Wolf (er spielt gern Golf): „Mir egal – Spaß macht es allemal.“

Ted van Lieshout

Wo bleibt das Meer?

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf.
Mit Illustrationen von Brigitte Püls.
München: Susanna Rieder 2017.
64 Seiten, 14,50 EUR.
ISBN 978-3-946100-08-9

Ein Kind ergreift die Hand seines Vaters, denn „ohne meine Hand ist mein Vater verloren“ – es sind Perspektivwechsel wie diese, in denen der Niederländer Ted van Lieshout sein Gespür für die Verquickung von poetischen Momenten und Melancholie beweist. Leise und in IchForm durchmessen die klar geschriebenen und von Rolf Erdorf fein übersetzten Gedichte in diesem Auswahlgedichtband ein großes Thema: den Abschied von der Kindheit. Was kommt nach der Geborgenheit? Und wer bin ich überhaupt? Da ist dieses Gefühl, auf der Schwelle zu sein und über sich hinaus zu wachsen. Nur wohin? Gut, dass es das Meer gibt, diesen Sehnsuchtsraum für den unverstellten Blick.

Angelika Overath

Corniglias – Alpendohlen
Poesias per tai – Gedichte für dich

Illustriert von Madlaina Janett.
Zürich: Schweizer Jugendschriftenwerk 2017.
32 Seiten, 8,00 EUR.
ISBN 978-3-7269-0093-9

Du bist deine Sprache. Kürzer kann man es kaum ausdrücken, und kurz sind auch die 14 Gedichte – zweisprachig auf Deutsch und Vallader, einer Variante des Rätoromanischen, das im schweizerischen Unterengadin noch heute gesprochen wird. Der Autorin, die Deutsch zur Muttersprache und Vallader erlernt hat, gelingt das Kunststück, abstrakt und konkret zugleich zu dichten: „Die Poesie ist kein braves Kind.“

2016: Arne Rautenberg

Arne Rautenberg

unterm bett liegt ein skelett
Gruselgedichte für mutige Kinder

Illustriert von Nadia Budde.
Wuppertal: Peter Hammer 2016.
48 Seiten, 13,90 EUR.
ISBN 978-3-7795-0551-8

Dieser Dichter nimmt die Sache so ernst, dass ihm Leichtigkeit gelingt. Bei „zombies in kombis“ mag mancher zunächst an einen herbeigezwungenen Reim denken – doch halt, haben wir nicht auch schon solche Gestalten gesehen, die vor dem Supermarkt parken? Das Gruselige hat seinen Platz in dieser Welt, drum ist der „kein guter mann, der umkehrzauber zaubern kann“. Er macht nämlich „aus den klappernden skeletten – muskelmänner in ketten“. Nein, in der Fantasie, im Dunkeln, in der Nacht darf es so gruselig sein, wie es nur geht, nur in der Wirklichkeit wollen wir das Helle sehen. Souverän setzt Rautenberg den Endreim ein, aber natürlich kann er auch anders:

was macht der maulwurf auf dem friedhof?
buddeln buddeln buddeln

Wenn Wortwiederholung und Reim zusammenkommen, wirkt das wie eine mit kühnem Strich gesetzte Zeichnung:

zombie-baby brabbelt
zombie-baby sabbelt
zombie-baby
zombie-baby
zombie-baby krabbelt

Seine Formen wählt er abwechslungsreich, dabei immer treffsicher, zu tiefem Humor ebenso wie zu tiefem Sinn fähig. Kinder amüsieren sich an dem Grusel, weil sie spüren und wissen, dass er inszeniert und nicht wirklich ist – wie bei einer Geisterbahn. Die zweifarbigen Zeichnungen von Nadia Budde würzen den gewitzten Witz.

Arne Rautenberg kam 1967 in Kiel auf die Welt, wo er auch heute nach dem Studium der Kunstgeschichte, der Neueren Deutschen Literaturgeschichte und der Volkskunde als freier Schriftsteller und Künstler lebt. Er wurde bereits mit zahlreichen Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Seit 1995 veröffentlicht er meist Gedichtbände, zuletzt in diesem Jahr die Gruselgedichte mit dem Titel unterm bett liegt ein skelett – wofür er jetzt mit dem JOSEF GUGGENMOS-PREIS FÜR KINDERLYRIK ausgezeichnet wird.

Uwe-Michael Gutzschhahn

Arne Rautenberg,
Foto:
© Peter Hammer Verlag

Zum ersten Mal gibt es in Deutschland einen Kinderlyrikpreis. Er trägt den Namen von Josef Guggenmos (1922 – 2003), der die deutsche Kinderlyrik nachhaltig beeinflusst sowie ihr Themenspektrum und ihre formalen Möglichkeiten entscheidend erweitert hat.

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur hat den mit 3.000 Euro dotierten Preis zu ihrem 40. Jubiläum mit Unterstützung vom Sparkassenverband Bayern ins Leben gerufen und aus dem Reinertrag des Sparkassen-PS-Sparen und Gewinnen finanziert. Er wurde am 18. November 2016 in Volkach verliehen.

Die Jury für den JOSEF GUGGENMOS-PREIS FÜR KINDERLYRIK 2016

  • Dr. Erich Jooß (Vizepräsident, Juryvorsitz, München)
  • Ulrich Störiko-Blume (Laudator, ordentliches Mitglied, München)
  • Prof. Dr. Dr. Kurt Franz (Ehrenpräsident, Deuerling)
  • Prof. Dr. Gabriele von Glasenapp (Vizepräsidentin, Köln)
  • Dr. Claudia Maria Pecher (Präsidentin, Frankfurt am Main)

EMPFEHLUNGSLISTE 2016

Die Jury hat die zwischen Juli 2015 und Juli 2016 erschienene Produktion gesichtet und daraus den Preisträger ermittelt sowie fünf weitere besonders gelungene Titel empfohlen. Das Angebot an beachtenswerten Büchern mit Lyrik für junge Leser war erfreulich groß, vielfältig und sehr viel besser, als mancher Skeptiker vorher erwartet hatte. Daher fiel die Auswahl nicht leicht. Mit ihrem Preis will die Akademie ein Zeichen setzen und Autoren genauso wie Verlage und Buchhandlungen ermutigen, sich stärker als bisher für das Kindergedicht einzusetzen

Nadia Budde

Vor meiner Tür auf meiner Matte

Illustriert von der Autorin.
Wuppertal: Peter Hammer 2016.
32 Seiten, 15,90 EUR.
ISBN 978-3-7795-0539-6

Es gibt Illustratoren, die können auch dichten. Und es gibt Dichter, die gut illustrieren können. Echte Doppelbegabungen sind allerdings selten, und deshalb wird Nadia Budde ausgezeichnet, die schon viele gedichtete Bilderbücher vorgelegt hat. Das Szenario des unerbetenen Besuchs einer Ratte, die der Hauptfigur ständig dazwischenfunkt, bietet echte Situationskomik. Der Pfiff liegt darin, wie die Illustratorin/Dichterin Text und Bild inszeniert – mit kleinen quatschigen Plots, die wir als Karikaturen von wohlbekannten Konfliktsituation erkennen

Uwe-Michael Gutzschhahn (Hrsg.)

Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her
Das dicke Buch vom Nonsens-Reim

Illustriert von Sabine Wilharm.
München: cbj 2015.
192 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN 978-3-570-15971-2

Diese Sammlung komischer Gedichte macht es leicht, die Lyrik überhaupt zu entdecken. Für Unsinn waren sich auch die großen Klassiker nicht zu fein: Chamisso, Eichendorff, Lessing. Die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts, die wirklich nicht zum Lachen war, reizte großartige Poeten wie Kurt Schwitters, Bertolt Brecht, Erich Mühsam, Mascha Kaléko und Joachim Ringelnatz zum Scherzen. Es fehlen nicht die Komik-Spezialisten von Karl Valentin zu Otto (ja, der!), von Heinz Erhardt zu Robert Gernhardt. Wir finden Erich Fried, H.M. Enzensberger, James Krüss, Arne Rautenberg, Peter Maiwald, Oskar Pastior und Jürgen Spohn und – überraschend und überzeugend zugleich – viele unbekannte Verfasser. Die unvermeidliche Willkür bei einer solchen Auswahl verwandelt der Herausgeber mit den eleganten Illustrationen von Sabine Wilharm zu einer Kür auf dem lyrischen Parkett

Judith Holofernes

Du bellst vor dem falschen Baum

Illustriert von Vanessa Karré.
Stuttgart: Tropen 2015.
104 Seiten, 17,95 EUR.
ISBN 978-3-608-50152-0

Die Rockmusikerin und Songschreiberin Judith Holfernes (bekannt durch die Gruppe Wir sind Helden) singt bzw. schreibt nicht vor dem falschen Publikum. Treffsichere Sprache, Rhythmus- und Melodiegefühl sind ihre Sache. Nur dass die Begleitmusik hier aus Bildern besteht. Kinder lieben Tiergedichte, und da müssen nicht unbedingt Blaumeisen vorkommen, es können auch Bleimeisen sein, Tollmeisen oder Vollmeisen oder Halbmeisen. Ein herrliches Lese- und Schauvergnügen (teilweise mit ausklappbaren Panoramabildern) aus einem literarischen Verlag – auch für Kinder.

Christoph Meckel

Für Clarisse

Illustriert vom Autor.
Frankfurt am Main: Gutleut Verlag 2015.
140 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN 978-3-936826-74-6

Dass ein so bedeutender und fleißiger Lyriker im Alter von 80 Jahren eine Sammlung von 60 bisher unveröffentlichten Gedichten herausbringt, ist ein Glücksfall. Sie richten sich an Clarisse, eine kindliche Kunstfigur. Das Buch ist auch formal in jeder Hinsicht ein bibliophiler Leckerbissen. Schon der Umschlag ist ein gefaltetes Plakat mit einer Meckel´schen Radierung, auf dessen Rückseite der Autor seine Kunstfigur im weltliterarischen Universum verortet. In der Mitte der Broschur befinden sich 9 ausklappbare Seiten mit weiteren Radierungen des Autors.

Frantz Wittkamp

In die Wälder gegangen, einen Löwen gefangen
Findlinge

Illustriert von Axel Scheffler.
Weinheim: Verlag Beltz & Gelberg 2016.
48 Seiten, 12,95 EUR.
ISBN 978-3-407-79564-9

Seine Vierzeiler nennt der Autor „Findlinge“ – wie die nach der Eiszeit liegengebliebenen, rundgeschliffenen großen Gesteinsbrocken. Auf das Wesentliche abgeschliffen – das ist die formale Essenz der Wittkamp’schen Gedichte. Sie haben Tiefgang bei aller Leichtigkeit, und solche Doppelbödigkeit strahlen auch Axel Schefflers lakonisch-fröhliche Bilder aus. Kinder haben sofort ihren Spaß damit, der keineswegs verhindert, dass Erwachsene weitere, eigene Bezüge für sich herstellen können.