Erhard Dietl

geboren am 22. Mai 1953 in Regensburg an der Donau
Schriftsteller und Illustrator im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur, Graphiker, Musiker und Songwriter

Dr. Nadine J. Schmidt
veröffentlicht am 03.04.2022

 

1 Biogramm

Erhard Dietl lebt mit seiner Familie in München und in der Nähe des Staffelsees. Bekannt geworden ist er insbesondere als kreativer Erfinder der grünen, legendären Olchis. Sein Studium absolvierte Dietl ab 1971 an der Akademie für das graphische Gewerbe sowie an der Akademie der bildenden Künste in München. Zunächst arbeitete er während seines Studiums als Zeichner u.a. für das Zeit-Magazin, aber auch für Kinderzeitschriften wie Sesamstraße oder Yps. Seit 1973 schreibt er Geschichten für Kinder und seit 1983 illustriert er auch Kinderbücher, u.a. die Geschichten vom Franz von Christine Nöstlinger, Texte von Kirsten Boie (Kirsten Boie erzählt vom Angsthaben), Ursel Scheffler (Ätze), Joachim Ringelnatz (Der Nasenkönig) oder die Radierungen im Werk von Erich Kästner (Ironische Verse). Im Jahre 1990 erschien Die Olchis sind da, aus dem die erfolgreiche Kinderbuchreihe Die Olchis wurde, die er nicht nur selbst geschrieben, sondern die er auch illustriert hat. Insgesamt sind bislang über 150 Kinderbücher von oder unter Dietls Mitwirkung erschienen (einschließlich der Witze- und Pixi-Bücher). Darüber hinaus schrieb Dietl Kindertheaterstücke mit Musik (v. a. zu den Olchis) und veröffentlichte als Musiker zahlreiche CDs (auch für Erwachsene). Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Dietl arbeitete zudem für das Kinderprogramm von ARD und ZDF.

Für sein Werk erhielt er bislang viele Preise, u. a.: Kinderbuchpreis des Landes Nordrhein-Westfalen (1992); Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis für Der tapfere Theo (1993); Wildweibchenpreis 2005 für Otto, der kleine Pirat (2001); Pädagogischer Interaktiv-Preis in Gold Pädi 2003; Die besten sieben Bücher für junge Leser (Januar 2005); Bilderbuch des Monats (April 2005); Saarländischer Kinder- und Jugendbuchpreis (2011).

 

2 Überblick über das Werk

2.1 Erstleseliteratur

Im Bereich der Erstleseliteratur hat Erhard Dietl zahlreiche Werke geschrieben, die insbesondere im Oetinger Verlag veröffentlicht wurden. Bekannt geworden ist Dietl v. a. mit seiner bei Kindern beliebten phantastischen Olchis-Reihe, die literarisch originell unterhält, auf Spannung und pfiffigen, frechen Humor setzt und an der er bis heute ebenfalls im Format für ältere Kinder intensiv arbeitet (vgl. z. B. die Kinderromane Die Olchis im Land der Riesenkranken, 2017, oder Die Olchis und das Schrumpfpulver, 2019). Neben den über 40 Olchis-Bänden ist v. a. auch die weniger umfangreiche Erstlesereihe zu dem rasanten Weltraumroboter Gustav Gorky besonders hervorzuheben, zu der es bereits seit 2012 eine Kinderbuchserie für ältere Kinder gibt.

Die schrägen, grünen Olchis haben Hörhörner, Knubbelnasen, drahtige Haare, werden uralt, sind gerne faul, lieben Schlammpfützen, waschen sich nie, sind bärenstark, haben Mundgeruch (so stark, dass sogar Fliegen tot umfallen) und mögen stinkigen Qualm über alles. Sie rülpsen und pupsen oft und die Olchi-Kinder verspüren den Drang in sich, immer viele spannende Abenteuer zu erleben, weil ihnen sonst allzu schnell langweilig wird. Sie hassen Parfüm und verspeisen gerne „geriebene […] Schuhsohlen“ (Dietl 2015, S. 6) und als Nachspeise „Glühbirnenkompott mit Holzbröseln und Tubenkleber“ (Dietl 2017, S. 31).

Mittlerweile gibt es eine vielfältige Olchi-Welt auf dem Markt: Neben vielen Merchandising-Produkten, Olchi-(Mitsing-)Liedern, Olchi-Detektive-Fassungen (über 20 Bände), Witze-Büchern, einer Olchi-Zeitschrift mit Comics, Bastel- und Rätselseiten, ABC-Reimen und Kinder-Theaterstücken mit Musik gibt es auch ein Bilderbuchkino in Form einer Boardstory bei Onilo. Für das Jahr 2021 ist sogar ein Kinofilm (Die Olchis. Willkommen in Schmuddelfing) angekündigt. Ein Musical, das sich mit den Olchis beschäftigt, wurde 1997 in Halle uraufgeführt.

Dietl wollte mit seinen lebensfrohen und abenteuerliebenden Müffel-Olchis ganz besondere Kreaturen literarisch zum Leben erwecken, die „ganz anders sein sollten als wir Menschen“ (vgl. Oetinger o. J.) und deren Eigenschaften die Kinder sicherlich gerade aufgrund ihrer eigensinnigen Unkonventionalität, des humorvollen Durchbrechens gesellschaftlich-sittlicher Grenzen sowie einem damit einhergehenden ‚befreienden‘ Lachen lieben. Ohne ein konkretes didaktisch-moralisches Konzept vor Augen gehabt zu haben (der Autor wollte „nie belehrend wirken“, vgl. ebd.), hat Dietl eine sympathische Familie künstlerisch erschaffen, die mit einer charakteristischen Leichtigkeit „viele positive Eigenschaften“ vermitteln soll: So sind die Olchis Dietl zufolge „als Vorbilder zu gebrauchen“, weil sie „neugierig“, „entspannt“, „zuversichtlich“, „tolerant“, „phantasievoll“, „vertrauensvoll“ und „freundlich“ durch ihr Leben gehen und dabei nicht nur in einer schrägen Großfamilie zurechtkommen, sondern auch ihre Probleme selber lösen (vgl. ebd.). Die Wertevermittlung und die literarische Darstellung von ganz anderen Lebensentwürfen geschieht dabei aber lediglich „zwischen den Zeilen“ (ebd.).

Die Bücher um die faulen, frechen Wesen zeichnen sich durch vielfältige Neologismen (etwa „olchig“ [Dietl 2018a, S. 7], „furz-langweilig“, [Dietl 2015, S. 6], Alliterationen (z. B. „fein-fauligen Fischgräten“ [ebd.]) und besonders schräge Ausdrucks- bzw. Empfindungswörter (z. B. „Rostiger Stinkerich!“ [Dietl 2018a, S. 30], „Muffelfurzteufel“ [Dietl 2017, S. 6] oder „Windiger Hühnerfurz“ [Dietl 2014, S. 6]) aus. Sie widersetzen sich damit einzelnen Kriterien der Erstleseliteratur – nicht nur mit Blick auf die inhaltliche Dimension, sondern auch besonders mit Blick auf die sprachliche Gestaltung. Die Leseanfängerinnen und -anfänger werden mit vielen ungewohnten, im Sichtwortschatz nicht verfügbaren und mehrsilbigen Wörtern, kreativ-lustigen Wortneuschöpfungen, Spielen mit dem Wechsel von Lauten (denkt man bspw. an den „blauen Olchi“, der immer „ö“ statt „o“ sagt, vgl. z. B. Dietl 2016) sowie einer teilweise komplexeren Satzstruktur herausgefordert. Neben Neologismen und Komposita finden sich auch viele Reime wieder, die ‚leseerleichternd‘ wirken, da sie bei der phonologischen Bewusstheit ansetzen:

Schleime-Schlamm und Käsefuß,
Hunde sind ein Hochgenuss!
Rattenschwanz und Hühnerbein,
kann das Leben schöner sein?
(Dietl 2015, S. 39.)

Dieser Reim wird in abgewandelter Form immer wieder aufgenommen. Darüber finden sich auch lyrische Formen in den Werken wieder, die die Geschichte unterbrechen und so den Text variieren sowie viel Tempo und Unterhaltung miteinbringen (vgl. Dietl 2018a, S. 28–32).

Neben den über 40 Olchis-Bänden ist v. a. auch die weniger umfangreiche Erstlesereihe zu dem rasanten Weltraumroboter Gustav Gorky hervorzuheben, zu der es bereits seit 2012 eine Kinderbuchserie für ältere Kinder gibt. Gorky lebt auf einem friedlichen Planeten und besucht als Reporter gelegentlich die Erde, auf der er allerlei über die merkwürdigen Menschen erfährt („Soll ja nicht einfach sein mit den Erdlingen“; Dietl 2012, S. 186), sich aber auch mitunter in Gefahren begibt. Es wird sprachspielerisch, witzig, abenteuerreich und mit Versatzstücken einer extravaganten, geheimen Außerirdischensprache erzählt („Gorkyanisch“). Zu der Geheimsprache gibt es am Anfang der Bücher für die älteren Kinder eine Anweisung, wie diese genau zu dechiffrieren ist. Das Buch ist, auch in den Erstlesebüchern, aus Gorkys Ich-Perspektive verfasst, was eine zusätzliche humorvolle Dimension in den Text bringt, denn Gorky versteht die Menschen nicht und hält sie mitunter sogar für sehr gefährlich (z. B. ebd., S. 33f.). Sein Äußeres erinnert an die Olchis und ebenso sein merkwürdiges Verhalten lässt Erinnerungen an dieOlchi-Wesen aufkommen. Auch diese Erstlesebücher widersetzen sich, was charakteristisch für Dietl ist, gängigen Kriterien an die Gattung und muten mitunter Kinder auch „schwierige“ (ebd., S. 10) Wörter zu – einfach, weil sie zur Gorky-Sprache oder zu den Erdlingen gehören.

2.2 Bilderbücher

In Dietls erstem Bilderbuch Der tapfere Theo oder Wie man seine Angst besiegt (1992) geht es um einen Jungen, der nach Kraft und Mut sucht, um sich seinen zahlreichen Ängsten zu stellen, die detailliert beschrieben werden und deutlich machen: Eigentlich hat Theo fast immer und überall Angst. Theo findet letztlich aber seinen individuellen Weg, indem er das entwicklungspsychologisch relevante kindliche Rollenspiel für sich entdeckt, um wichtige persönliche Eigenschaften wie Selbstvertrauen und Zuversicht zu vermitteln. Zunächst ist Theo noch „King Kong“, der mit einer großen Maske herumläuft, und kurz danach schon „Zorro“, der lediglich noch eine Augenbinde und ein Spielzeugschwert zum Verkleiden und rollenspielartigen Ausprobieren und Probehandeln nutzt, bis er endlich sagen kann: „‚Du brauchst keine Angst zu haben“, […], das Monster ist besiegt! Ich bin Zorro, Herr über Leben und Tod!‘“ (Dietl 1992, o. S.). Das Mutmach-Buch mit seiner latenten humorvollen Seite soll Kinder darin bestätigen, mutig zu sein, an sich zu glauben und auch mal kämpferisch und heldenhaft zu agieren – und dazu können eben auch literarische Vorbilder nützlich sein. Darüber hinaus regt die Geschichte zur literarischen Anschlusskommunikation an, wobei auch v. a. das Ende im Fokus steht: Wie geht es mit Theo weiter? Der Text von Dietl ist ebenfalls, in entsprechend kleinformatigeren Illustrationen, in Der Bär auf dem Seil (2002) abgedruckt.

Das farbenfrohe Wunsch-Bilderbuch Manchmal wär ich gern ein Tiger von 2011 (erstmals 1986 in einer älteren, nicht mehr erhältlichen Fassung erschienen) lädt zum kindlichen Phantasieren ein, experimentiert mit dem für Dietl typischen Spiel mit Diversität, ist sprachlich-ästhetisch dicht gestaltet und greift auf eine zum Schmunzeln einladende Weise das bei Kindern sehr beliebte Rollenspiel auf: Was wäre, wenn ich meine Identität wechseln könnte? Was wäre dann? Ob Astronaut, Filmstar, Schmetterling, Lehrerin, Tänzerin oder Elefant: Für jedes Kind ist eine kleine Phantasiereise dabei. Dabei wird mit viel Sprachwitz und Humor gezeigt, wie Rollenerwartungen und typische Normen durchbrochen werden (können). Aber auch wenn Dietl darauf geachtet hat, dass für beide Geschlechter ein Identifikationspotential bereitgehalten wird, arbeiten die Darstellungen auf der Bild- und Textebene bisweilen mit traditionellen Geschlechterklischees, die es zu dekonstruieren gilt: Da gibt es eine Mutter, die kocht und einen Jungen, der Pirat werden möchte sowie ein Mädchen, das von einer Karriere als Tänzerin träumt. Schlussendlich geht es aber um eine Vielfalt an Lebensweisen, die veranschaulicht: Wie wir unser Leben gestalten und was wir daraus machen, liegt oft an uns selbst.

Mit der fröhlich-locker gereimten, farbintensiv illustrierten und großformatigen Bilderbuchgeschichte Billy mit den Bambusbeinen (2020) bietet Dietl den jungen Zuhörerinnen und Zuhörern lustig-kreative Sprachspiele an und greift ein für den Autor charakteristisches, problemsensibles und diversitätsorientiertes Thema auf: die Angst vor dem Anderssein. Billy fällt auf, dass er anders ist als die anderen Insekten, denen er begegnet: Egal, ob Hirschkäfer, Wespe, Heuschrecke oder Falter – er merkt, dass die anderen Flügeltiere Eigenschaften mitbringen, die er nicht besitzt. Auch nimmt er diese Kreaturen mitunter als sehr schön wahr, was ihn wiederum sehr traurig macht, denn er kann nun einmal aus ‚seiner Haut‘ nicht heraus. Doch dies ändert sich schlagartig, als er auf eine Wanze trifft, die seine „Bambusbeine“ außerordentlich mag, die deren Vorteile anerkennt und sich nicht so selbstverliebt verhält wie alle anderen Insekten:

Damit könnt’ ich querfeldein
Durch alle Wissen staksen!
Sag, was ist das für ein Trick,
dass solche Beine wachsen?
Solche Beine, meine Herr’n,
die wären ein echter Segen!
So was hört der Billy gern
und wird auch ganz verlegen.
(Dietl 2020a)

Damit sensibilisiert Dietl ein weiteres Mal für Toleranz, Selbstwertgefühl, Einzigartigkeit, Anderssein und Vielfalt – ein wichtiges und gern behandeltes Thema in der aktuellen Kinderliteratur. Die Illustrationen laden zum Verweilen und Entdecken ein, denn sie sind mit zahlreichen Leerstellen angereichert: Ganz deutlich akzentuieren sie das arrogante Verhalten der Insekten in Mimik und Gestik und unterstreichen mitunter äußere Merkmale und Charaktereigenschaften, die vielleicht gar nicht so wünschenswert sind, wie man zunächst vielleicht glaubt.

Die lustigen Warzenschwein-Bilderbücher von Dietl, die in den Jahren 2018 und 2020 erschienen sind, spiegeln die Lust des Autors an humorvoll-heiteren Reimen erneut deutlich wider. Erhard Dietl, der auch etliche Witze-Bücher veröffentlicht hat, ist ein Meister des lustigen Versreims, der die Kinder unterhalten und ihnen Freude am literarischen Spiel mit der Sprache bereiten möchte. In locker-leichter Manier sucht ein sympathisches Warzenschwein im ersten Band jemanden zum Küssen. Es scheint auch nicht sehr wählerisch zu sein, weil es das Küssen einfach erst gerne einmal ausprobieren möchte. Ob ihm das gelingt? Die detailreichen, sehr farbintensiven Bilder deuten bei vielen Tieren zumindest an, dass sie gar nicht so erfreut über die Kussversuche des Warzenschweins sind und halten damit eine zusätzliche Ebene zum Betrachten, Staunen und Schmunzeln bereit. Im zweiten Warzenschwein-Buch Ein Warzenschein will mutig sein haben es die jungen Rezipientinnen und Rezipienten dann mit einer Geschichte zum Thema Mut zu tun, die auf kindgerechte Weise (und natürlich wieder in lustigen Reimen) den Zuhörerinnen und Zuhörern, den Leserinnen und Lesern humorvoll, mit farbexpressiven, pfiffigen Bildern und augenzwinkernd vermittelt, dass wir alle „echt[…] Held[en]“ (o. S.) sein und unsere Ängste überwinden können.

2.3 Geschichten in Sammelbänden und Kinderromane

Der umfangreiche und vielfältig zusammengestellte Sammelband Der Bär auf dem Seil und andere Geschichten zum Vorlesen (2002) von Dietl enthält 20 abwechslungsreiche und leicht zugängliche Geschichten von ganz unterschiedlicher Länge – sogar eine Olchi-Geschichte sowie ein lustig gereimtes Erzählgedicht aus den Lesepiraten-Schulgeschichten (1999) sind dabei. Wenige Texte des Bandes sind zuvor bereits, v. a. im Loewe-Verlag, veröffentlicht worden und werden hier versammelt. Es handelt sich um spannende, teilweise auch mit den Leseerwartungen spielende Vorlesegeschichten, die mitunter einen märchenhaften Charakter besitzen und ohne starken moralischen Zeigefingergestus signifikante menschliche Werte und Normen vermitteln. Die Geschichten sind teilweise humorvoll und phantastisch angelegt; manchmal sind sie auch sehr tiefsinnig geschrieben und regen durch ihre raffinierten Pointen zum Nachdenken über die empirische Lebenswirklichkeit an, ohne eine mögliche ‚Botschaft‘ zu stark zu fokussieren. In den Märchengeschichten „König Vogelfrei“ und „Rocko, der Propellervogel“ greift Dietl beispielsweise die Schattenseiten des materiellen Reichtums auf, die von den wirklich wichtigen Leitgedanken Freiheit und Freundschaft verdrängt werden.

Im Jahre 2018 veröffentlichte der Autor gemeinsam mit Ingrid Uebe fünf weitere abenteuerliche, phantasiereiche und bisweilen märchenhafte, (Gute Nacht-)Vorlesegeschichten in Bilderbuchform (Die lustigsten Abenteuergeschichten von Erhard Dietl), die von vier kleinen Piraten, mutigen kleinen Rittern, frechen Hexen, dem wilden Räuber Willibert und einem Seeungeheuer handeln und bei Jungen und Mädchen gleichermaßen auf Interesse stoßen. Besonders das Piraten-Thema ist bei Dietl sehr beliebt (denkt man z. B. auch an weitere Werke, wie z. B. das Erstlesebuch Otto, der kleine Pirat, 2001). Die großformatigen Illustrationen erstrecken sich in ihrer atmosphärischen Dichte über das gesamte Format. Sie sind von Dietl besonders detailreich, expressiv und farbenfroh ausgestaltet und bieten durch ihre den Text anreichernden Elemente viel Raum zum Betrachten, Entdecken und Verweilen. Aufgelockert werden die Geschichten durch lustig-gereimte Piratenlieder (vgl. Dietl 2018c, S. 27), Hexensprüche (ebd., S. 58), Seeräuberlieder (vgl. ebd., S. 110) sowie weitere sprachspielerische Elemente. In typisch Dietlscher Manier wird auch hier nicht auf eine sprachlich-ästhetisch ausgefeilte literarische Komposition verzichtet, denn neben Metaphern, Vergleichen, Assonanzen und Alliterationen finden sich viele weitere rhetorische Stilmittel im Werk wieder, die die literarischen Stimmungen, welche vermittelt werden, präzise wiedergeben.

Die ersten „monsterstarken Geschichten“ über die verrückten Pumpernickels sind 2009 erschienen und spiegeln in ‚olchiger‘ Manier Dietls große Leidenschaft für außergewöhnliche Phantasiewesen wider. Seit 2015 gibt es einen umfangreichen Sammelband, der alle drei bislang veröffentlichten Geschichten („Die Pumpernickels“, „Karacho und der Vampirhase“, „Das große Monsterrennen“) in einem Buch vereint. Für die expressiven, farbigen Illustrationen war Dietl wieder selbst zuständig. Die witzig-freche Monsterfamilie mit ihren schrägen, skurrilen Abenteuern erinnert abermals stark an die Olchis: Die Figuren rülpsen gerne, hassen Tageslicht, trinken Blutsuppe, legen ihre Monsterfüße auf den Tisch, haben Vampirzähne, zerdrücken Steine mit der Faust, zermalmen dicken Baumstämme, mögen es ganz laut und mit den Olchis würden sie sich ganz prächtig verstehen. Die Pumpernickels wohnen, dies wird kunstvoll umschrieben, in einer „alte[n] Burgruine“, über deren „graue[…] Mauern“ die „kalten Nebelfetzen wie Gespenster“ (Dietl 2015b, S. 176) hängen und wo „feuchte Nebel wie Schleier über den Hügeln “ (ebd., S. 12) wüten. In sprachlich-ästhetischer Hinsicht sind die Geschichten künstlerisch gestaltet und die humorvoll gereimten Monstergedichte sorgen nicht nur für Abwechslung (vgl. ebd., S. 58), sondern stellen eine intertextuelle Verbindungslinie zu den Olchis her:

Wir knurren und wir kreischen,
wir grunzen und zerfleischen,
wir lieben fette Monsterkraken
und die netten Kakerlaken.
Wo sind unsre langen Messer?
Wir sind doch keine Pflanzenfresser!
(Dietl 2015b, S. 58)

Dietl setzt in seinen literarischen Texten immer wieder sprachspielerische Elemente ein. Die phantasievollen, bunten Illustrationen im wiederkennbaren Dietl-Stil sind, wie so häufig, vom Autor selbst angefertigt worden und unterstützen nicht nur das Leseverständnis, sondern verleihen dem Werk eine zusätzliche humorvolle Dimension.

 Im Jahre 2008 erschien Rufus Rakete und die Piratenblut-Bande. Die realistische, abenteuerreiche Piratengeschichte erinnert ein wenig an die 5 Freunde oder TKKG und handelt von einem Jungen Rufus, der nach der Scheidung seiner Eltern vorübergehend bei seiner Großmutter lebt, die ihn aber aufgrund einer Operation kurzerhand zu Onkel Oskar schicken muss, der einmal Pirat war. Das Abenteuer beginnt, als drei „Gorillas“ hinter Oskar her sind, weil sich in dessen Besitz eine Schatzkarte befindet und sie auch Rufus jagen. Sodann machen sich Rufus, Mira und Henker aus der Piratenblutbande auf den Weg, den Schatz selbst zu suchen. Die Geschichte ist spannend erzählt, integriert problemsensible Themen und endet mit einer zum Nachdenken anregenden Pointe: „Weißt du, manchmal muss man auch eben etwas wagen im Leben und mutige Wege gehen“ (Dietl 2008b, S. 182). Darüber findet sich auch ein metafiktionales Vorwort im Werk, in dem (augenzwinkernd) Hinweise auf die Rezeption gegeben werden:

In meiner Geschichte geht es auch blutig zu, aber nur ein bisschen. Es ist ja auch keine wirkliche Piratengeschichte. […] Du kannst das Buch auch gut vor dem Einschlafen lesen, ohne dass du gleich vor Angst und Schrecken senkrecht im Bett stehst. Aber etwas Nerven brauchst du schon. Wenn du so ein schlechtes Nervenkostüm hast wie meine Tante Elfriede, dann solltest du beim Lesen lieber das Licht anlassen (Dietl 2008b, S. 6).

2.4 Realistischer Jugendroman

Das Leben ist voll hart (Für Mädchen verboten), erschienen im Jahre 2000, ist das bislang einzige Jugendbuch von Dietl, das für Jungen ab ca. 12 Jahren konzipiert ist. Das Werk ist aus der Ich-Perspektive eines 13jährigen Jungen geschrieben und greift mit Leichtigkeit und Humor die alltäglichen Probleme der pubertierenden Hauptfigur Olli auf, nimmt sie aber andererseits auch sehr ernst. In diesem Zusammenhang steht v. a. sein (unglückliches) Verliebtsein im Fokus, denn „aus Liebe macht der Mensch die verrücktesten Sachen“ (Dietl 2000, S. 38). Als Olli nach einer kurzen Zeit des Glücks erfahren muss, dass das Mädchen Connie nicht mehr mit ihm zusammen sein möchte, verfällt er in „abgrundtiefe Depressionen“ (ebd., S. 83): „Ich hatte nämlich den krassen Liebeskummer“. Doch „Liebeskummer“ ist für ihn ein „endpeinliches Wort“ (ebd.) und so erfahren die Rezipientinnen und Rezipienten – im Gegensatz zu den Menschen in seiner Umgebung – sehr viel über seine Gefühle, Sorgen, Wünsche und Träume. Das Buch kann über literarische Perspektiveinnahmen zu Fremdverstehen und Empathiefähigkeit anregen und deutlich machen, dass es vielen Menschen in derartigen Situationen schlecht geht, auch wenn sie sagen, dass „alles okay“ (ebd.) ist. Von der Erzählkonstruktion her ist der Roman, der mit Versatzstücken einer imitierten Jugendsprache arbeitet und Anleihen aus der Popliteratur nutzt, variationsreich angelegt: Es werden einerseits viele (Liebescomic-)Zeichnungen des Ich-Erzählers integriert, der später Musiker oder Illustrator werden möchte (ein Spiel mit den Bezügen zur Biographie des Autors); andererseits sind aber auch montageartig Übungsaufgaben aus der Schule oder sonstige Fragmente eingefügt, die auch zur Auflockerung des Textes dienen und Dietls erzählerische Vorliebe für Collage- und Montageverfahren darlegen.

 

3 Rezeption

Bislang gibt es nur wenig Forschungsliteratur zu Erhard Dietl und selbst zu den berühmten Olchis-Bänden existieren bislang kaum literaturwissenschaftliche oder -didaktische Untersuchungen. Hier müsste sich dringend etwas ändern. Mit seinen bekannten Olchis hat Dietl neben seinem großen Erfolg mitunter auch für Diskussionen in der Literaturkritik gesorgt. So wurde in den 1990er Jahren u.a. kritisch angemerkt, dass die Abenteuer der „anarchischen Müllbewohner“ als Kinderliteratur ungeeignet seien (vgl. Erhard Dietls Olchis werden 30, o. S.), denn die grünen Wesen würden genau das Gegenteil von dem machen, was in unserer Gesellschaft sozial erwünscht sei, nämlich Sauberkeit, Ordentlichkeit, nette Umgangsformen und Fleiß. Dietl erwidert vehement auf diese Kritik: „Die haben nur gehört, Olchis furzen, fluchen und stinken. Aber man sollte die Bücher lesen. Dann weiß man, dass da viel mehr drinsteckt“ (ebd.). Der Autor gibt in diesem Zusammenhang ebenfalls an: „Jetzt allerdings hat sich die Sachlage geändert. Nun stehen die Schultüren für die Olchis weit offen und ich werde sogar aufgefordert, aus den Olchi-Büchern vorzulesen. [Spezifische] Tugenden werden durch die Olchi-Bücher nicht außer Kraft gesetzt, sondern zur Diskussion gestellt“ (Interview Onilo, o. S.). Auch für die Lesemotivation im Zeitalter der Medienkonkurrenz und für die Leseförderung ist die Reihe offenbar gut geeignet: Es geht letztlich darum, „Kindern mit Büchern eine Freude zu machen“, denn „[i]n meiner Bücherküche brutzele ich fantasievolle Geschichten, würze sie mit einer Prise Humor und garniere sie mit Bildern“ (Fragebogen vom Verlag Oetinger, o. S.).

 

Literaturverzeichnis

Primärliteratur (chronologisch)

  • Der tapfere Theo. Oder wie man seine Angst besiegt. Stuttgart: Thienemann 1992.
  • Das Leben ist voll hart. Stuttgart: Thienemann: 2000.
  • Otto, der kleine Pirat. Hamburg: Oetinger 2001 (Sonne, Mond und Sterne).
  • Der Bär auf dem Seil. München: Ellermann 2002.
  • Piratengeschichten. München: arsEdition 2008a.
  • Rufus Rakete und die Piratenblut-Bande. Hamburg: Oetinger 2008b.
  • Vier kleine Piraten. München: arsEdition 2010.
  • Der Witz-O-Mat. Nicht nur lachen – selber machen. Berlin: Schneider 2011a.
  • Manchmal wär ich gern ein Tiger. München: arsEdition 2011b (Erstveröffentlichung: 1986).
  • Die garantiert lustigsten Witze der Welt. 5 Bde. Berlin: Schneider 2013.
  • Die Pumpernickels. Alle monsterstarken Geschichten. Sammelband. Würzburg: Arena 2015a.
  • Böse Witze. Gesammelt und gezeichnet von Erhard Dietl. München: dtv 2015b.
  • Gustav Gorky, 5 Bände. Hamburg: Oetinger 2012–2017. Zitiert:
    Gustav Gorky. Hamburg: Oetinger 2012.
  • Die Olchis, 43 Bände. Hamburg: Oetinger 1990–2017. Zitiert:
    Die Olchis und die große Mutprobe. Büchersterne 1./2. Klasse. Hamburg: Oetinger 2014.
    Die Olchis und der Schmuddel-Hund. Büchersterne. 1. Klasse. Hamburg: Oetinger 2015.
    Die Olchis allein auf dem Müllberg. 1. Klasse. Büchersterne. Hamburg: Oetinger 2016.
    Die Olchis und das Stinkersocken-Festessen. Büchersterne 1./2. Klasse. Hamburg: Oetinger 2017.
    Die Olchis. Ein Drachenfest für Feuerstuhl. Büchersterne 1. Klasse. Hamburg: Oetinger 2018a.
  • Benno Bär und das Zauber ABC (Ravensburger Minis). Ravensburg: Ravensburger 2016.
  • Die Fehlerteufelchen. Lesestufe 2: Leichter lesen lernen mit der Silbenmethode. Illustriert von Christoph Schöne. Ravensburg: Ravensburger 2016.
  • Knallfrösche. Die besten Tierwitze aller Zeiten. Würzburg: Arena 2016.
  • Mein kunterbuntes Bilderlesebuch. Ravensburg: Ravensburger 2016.
  • Beißen die Fische? Die lustigsten Witze für coole Kids. Würzburg: Arena 2017.
  • Der neue Fußball. The new fotball. Zweisprachige Kinderbücher, Deutsch-Englisch. Illustriert von Wilfried Gebhard. Auch abgedruckt in: Fußballabenteuer zum Lesenlernen. Ravensburg: Ravensburger 2018b.
  • Die lustigsten Abenteuergeschichten. München: arsEdition 2018c.
  • Ein Warzenschwein will küssen. Hamburg: Oetinger 2018d.
  • Die besten Witze aller Zeiten. Singen Vögel auswendig? Würzburg: Arena 2019.
  • Billy mit den Bambusbeinen. Hamburg: Hummelburg Verlag 2020a.
  • Ein Warzenschwein will mutig sein. Hamburg: Oetinger 2020b.

Forschungsliteratur

  • Lehnert, Judith: Wir führen selbst Regie! Die Olchis verfilmt… Szenen aus dem Erhard-Dietl-Kinderbuch-Besteller in Videoclips umsetzen. In: Alexander Tillmann/Ingo Antony: Tablet-Klassen. Begleituntersuchung, Unterrichtskonzepte und Erfahrungen aus dem Pilotprojekt „Mobiles Lernen in Hessen – MOLE“. Münster/New York: Waxmann 2018, S. 81-87.
  • Schmitt-Dietrich, Kristine: „Die Olchis ziehen um“ von E. Dietl. Der Einstieg in die Müllthematik. In: Grundschulmagazin 14 (1999), H. 6, S. 25-38.

Internetquellen

Handreichungen/Unterrichtsmaterialien

Willers, Marie-Luise: Texte. Medien: Erhard Dietl: Das Leben ist voll hart: Textausgabe mit Materialien: Kinder- und Jugendbücher ab Klasse 7. Hrsg. von Ingrid Hintz. Braunschweig: Schroedel 2007.