Hans Adolf Halbey

geboren am 19. August 1922 in St. Wendel/Saar, gestorben am 8. Mai 2003 in Mainz
Germanist, Museumsdirektor, Autor und Herausgeber von Kinderliteratur

Prof. Dr. Dr. Kurt Franz
veröffentlicht am 20.04.2021

 

1 Biogramm

Hans Adolf Halbey (1976)

Hans Adolf Halbey (1976)

Hans Adolf wurde am 19. August 1922 in St. Wendel/Saar geboren. Nach Besuch der Grundschule und des Gymnasiums in Minden/Westfalen besuchte er ab 1936 die Oberschule in Aufbauform in Petershagen/Weser, 1940 wurde er mit dem Reifevermerk zur Luftwaffe eingezogen und war bis 1945 als Jagdflieger im Kriegseinsatz. Nach dem ‚Nach-Abitur’ 1947 studierte er an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und promovierte 1955 zum Dr. phil. in Kunstgeschichte, Geschichte und Buchkunde. Schon während des Studiums hatte sich Halbey in Künstlerkreisen bewegt. Mit seinen Kommilitonen Hüsch, Bartsch und Ludwig, dem späteren Stifter des Museums Ludwig in Köln, machte er Kabarett und verdiente sich zusätzlich etwas Geld mit Karikaturen in der Mainzer Allgemeinen Zeitung (vgl. Christoph Halbey 2003).

Einige Jahre, von 1954 bis 1957, war Halbey als Werbeleiter der Schriftgießerei Gebr. Klingspor in Offenbach am Main tätig, anschließend wurde er Direktor des Klingspor-Museums der Stadt Offenbach (Internationale moderne Buch- und Schriftkunst), was er bis 1977 blieb. Diese Zeit war von einer vielseitigen Arbeit geprägt, denn er bereitete nicht nur über 100 Wechselausstellungen vor, sondern organisierte 1959 auch eine Wanderausstellung des Museums durch die USA. Er hielt zahlreiche Vorträge im In- und Ausland (u. a. in den USA, in Japan, Australien), etwa zu Themen wie „Buchillustration der Gegenwart“, „Buchkunst und Illustration um 1900“, „Buch- und Schriftkunst im 20. Jahrhundert“, aber auch zum neuen Bilderbuch und zur Bilderbuchillustration.

Dazwischen, von 1961 bis 1972, war Halbey Dozent an der Bibliotheksschule der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Ab 1971 nahm er Lehraufträge wahr, u. a. an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main (bis 1990; Thema Bilderbuch), wo er 1978 zum Honorarprofessor ernannt wurde. An zahlreichen Universitäten, in Gießen, New York, Ankara und Beyrouth/Libanon, hatte er Lehraufträge, dazu war er mehrere Jahre Gastdozent an der Deutschen Buchhändlerschule in Frankfurt am Main.

Bei dieser wissenschaftlichen Spezialisierung blieb es nicht aus, dass Halbey in zahlreiche Gremien berufen bzw. gewählt wurde, so von 1967 bis 1973 als Jury-Mitglied zur Biennale der Illustration Bratislava (BIB), von 1972 bis 1974 als Jury-Mitglied der UNICEF, New York, zur Auswahl von Grußkarten, als Jury-Mitglied zur Auswahl der „Fünfzig schönsten Bücher“ und des Hans-Christian-Andersen-Preises, nachdem er zum Präsidenten des „International Board on Books für Young Peaple“ (IBBY) gewählt worden war (1974–1978). In dieser Eigenschaft war er zeitweilig auch Mitglied der von der UNESCO gebildeten Internationalen Buchkommission. Halbey gehörte auch der Internationalen Forschungsgesellschaft zur Jugendliteratur und dem Ausstellungsbeirat des Goethe-Instituts an.

Von 1977 bis zu seiner Pensionierung 1987 war Halbey Direktor des Gutenberg-Museums (Weltmuseum der Druckkunst) in Mainz, wo er unter anderem für den Erwerb und die Bewahrung wertvoller Gutenberg-Bibeln sowie für die entsprechende Öffentlichkeitsarbeit, die ihn auf viele Auslandsreisen führte, verantwortlich war. Er verfasste zahlreiche Einführungen in Ausstellungen, verständnisvolle Miniaturen über einzelne Künstler und Werke, Laudationes für Ehrungen und vieles andere mehr, so dass es nicht ausblieb, dass sein Wirken vielfach gewürdigt wurde. Seine Übersetzung von Alvin Tresselts Bilderbuch Der kleinste Elefant der Welt (aus dem Amerikanischen) stand 1965 auf der Auswahlliste des Deutschen Jugendliteraturpreises.

In Jahre 1976 war Halbey in Würzburg Mitbegründer der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, die ihren festen Sitz schließlich in Volkach nahm. Damit wollte auch er die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur ideell und gemeinnützig fördern. So war er geradezu prädestiniert dafür, das Medium Buch, speziell das Kinder- und Jugendbuch, zu fördern, war er doch erfolgreicher Wissenschaftler, Universitätslehrer, Literaturmanager und Autor zugleich. Dies tat er dann auch als ordentliches Mitglied der Akademie, indem er konstruktiv mitarbeitete und Lesungen sowie Vorträge hielt. 1991 wurde ihm in Anerkennung seiner Verdienste, vor allem für seine herausragende Leistung als Bilderbuchtheoretiker, der Volkacher Taler verliehen. Nach einem von Vielseitigkeit geprägten Leben ist der Hommes des lettre am 8. Mai 2003 in Mainz verstorben.

 

2 Werk

2.1 Buch-Wissenschaftler und Fachbuchautor

Das fachwissenschaftliche Werk Halbeys ist äußerst vielgestaltig, bewegt es sich doch „im weiten Feld der Buchkunst“; dies ist auch der Titel eines kleinen Sammelbandes mit ausgewählten Aufsätzen, Essays, Satiren und Gedichten, den ihm seine Frau Marianne zum 60. Geburtstag 1982 gewidmet hat. Auf dem Einband befinden sich die Initialen seines Namens: HAH. Im Geleitwort hebt seine Frau hervor, dass der Band „die Vielseitigkeit der wissenschaftlichen und schriftstellerischen Arbeit von Hans Adolf Halbey“ nur andeuten kann, zugleich gibt er tabellarisch Auskunft über sein Leben und sein Werk.

Halbeys wissenschaftliche Neigungen waren verstärkt speziell auf Schrift und Illustration ausgerichtet. Das beginnt bei den Blockbüchern des Mittelalters und geht bis zum Kinder- und Bilderbuch der Gegenwart. So ergibt sich hier eine erstaunliche fachliche Synthese. Der Buchwissenschaftlicher wendet schließlich sein Augenmerk auf eine „unterschätzte Literaturgattung“ – so der Untertitel seines Buches Bilderbuch: Literatur (1997) – und trägt damit nicht unerheblich zur Aufwertung der Gattung bei. Aus reicher persönlicher Erfahrung erhält man Einblick in das Besondere des Bilderbuchs, in das spezifisch Künstlerische, in Metasprache, Erzählhaltung und Interaktion von Sprache und Bild. Das Werk bildet – trotz vereinzelter Kritik – einen Meilenstein bei der Darstellung des Bilderbuches für Kinder.

Schon 1957 gab Halbey Drucke des Klingspor-Museums (Offenbach am Main) heraus. In den Jahren 1962 und 1976 erstellte er Tonbildreihen für das Deutsche Jugendschriftenwerk e.V. in Frankfurt am Main. Ab 1971 edierte er bei Wilhelm Kumm in Offenbach den Scriptura-Kalender mit Beispielen internationaler Schriftkunst, hauptsächlich des 20. Jahrhunderts. Außerdem war er zusammen mit Theodor Brüggemann und Anna Krüger Herausgeber der Internationalen Untersuchungen zur Kinder- und Jugendliteratur (Weinheim).

Naturgemäß beschäftigte er sich immer wieder mit Museumskonzepten, eben auch des Gutenberg-Museums. Zahlreich sind seine Darstellungen zur Buchgestaltung im Allgemeinen und zur Typographie im Besonderen, etwa zur „Grammatik der Typographie“. Immer spielte diese bei der Bewertung der Buchgestaltung eine zentrale Rolle, was sich in zahlreichen Aufsätzen zu einzelnen Büchern, Stilrichtungen und Künstlern manifestierte. So finden sich Laudationes, Gedenkbeiträge, Einführungen, Monographien und Werkverzeichnisse zu vielen bekannten Buchgestaltern, Illustratoren und Typographen, aber auch Kollegen und Kolleginnen, Aloys Ruppel, Rudo Spemann, Hans Peter Willberg, Marcus Behmer, Hannes Gaab, Gerhart Kraaz, Eugen Sporer, Josef Hegenbarth, Gunter Böhmer, Heinrich Richter, Hans Fronius, Ernst Wolfhagen, Eberhard Schlotter, Lieselotte Schwarz u. a. Hinzu kommt eine Fülle an Rezensionen, die der anerkannte Fachmann für verschiedene Organe, vor allem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) verfasst hat. Eine Art Museum hat Halbey in seinem von ihm herausgegebenen und mit einigen wichtigen Beiträgen versehenen Sammelband Museum der Bücher (1986) geschaffen.

Folgenreich wurde seine frühe Hinwendung zur Kinderliteratur, denn schon 1964, 1967 und weiterhin hat er sich Gedanken über die Qualität im Bilderbuch gemacht. So stellt er die Entwicklung des Bilderbuchs im 20. Jahrhundert in Deutschland (1968) und in der Gegenwart (1974) dar, reflektiert über dessen offene und geschlossene Form (1969) und speziell über dessen Gestaltung im Jugendstil (1973). Der gedankliche Ertrag seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit diesem „unterschätzten“ Genre findet sich dann in dem genannten Werk Bilderbuch: Literatur (1997).

2.2 Herausgeber und Verfasser von Kinderlyrik

Eine Würdigung Halbeys wäre mit der Benennung seiner fachwissenschaftlichen Arbeiten unvollständig, denn der Buchwissenschaftler war selbst auch literarisch kreativ. Neben seinen sonstigen Werken sind es vor allem seine Kindergedichte, mit denen er sich einen festen Platz in der Geschichte der deutschen Kinderlyrik gesichert hat. Das gilt nicht nur für sein Schreiben und Übersetzen, sondern ebenso für sein Geschick als Anthologist.

Wie er zum Dichten von Kinderlyrik gekommen ist, hat Halbey im Akademieband Mein erstes Manuskript in seiner unnachahmlich anschaulichen Art erzählt:

Niemals hatte ich daran gedacht, einmal Dichter zu werden oder Verfasser von Kindergedichten. Gewiss hatte ich schon immer Freude an Sprachspielereien, war an der Mainzer Universität für kurze Zeit zusammen mit Hanns Dieter Hüsch im Studentenkabarett. In meinem damals noch spärlich besetzten Bücherregal waren Christian Morgenstern, Karl Valentin, Joachim Ringelnatz, Werner Finck und andere Sprachspieler vorhanden. Später kam Ernst Jandl dazu. (Mein erstes Manuskript, in: Franz u. a., 2001, S. 44)

Halbey: Pampelmusensalat (Beltz & Gelberg 1965)

Pampelmusensalat (Beltz & Gelberg 1965)

Damit sind auch die großen Vorbilder Halbeys genannt, denn sie werden lebenslang für ihn eine große Rolle spielen. Aber auch seine Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, werden mit ihren „höchst drolligen Sprachschöpfungen und Wortverdrehungen“, mit ihren „Wortwiederholungen und Verdoppelungen um des Spiel-Rhythmus willen“ (ebd.) unmittelbare Anreger. Der direkte Anlass für sein erstes Kindergedicht ist tatsächlich eine Pampelmuse, die seine Frau nach Hause bringt und als Nachspeise bereitlegt. Die sechsjährige Tochter und anschließend der jüngere Sohn verwenden den Namen des Obstes für ihre Sprachspielerei: Mampelpuse, Pusemampel, Musepampel … Der Vater läuft zum Schreibtisch und schreibt in einem Stück das Gedicht, das unter dem Titel Pampelmusensalat zu seinem erfolgreichsten wird: „Bei der Picknickpause in Pappelhusen / aß Papa mit Paul zwei Pampelmusen. / …“. Sein unter dem Titel Pampelmusensalat 1965 erschienenes Lyrikbuch war nun seine erste nichtwissenschaftliche Arbeit, die gleich in hohem Maße wahrgenommen wurde, denn derartig kunstvolle Sprachspielereien waren innerhalb der deutschen (Kinder-)Literatur ungewöhnlich. Auch seine anderen Gedichte, deren Anzahl relativ gering ist, waren ähnlich strukturiert.

In seinem zweiten, großformatigen, von Leo Leonhard kongenial illustrierten Gedichte-Bilderbuch Es wollt’ ein Tänzer auf dem Seil den Seiltanz tanzen eine Weil’ (1977) finden sich nochmals 18 alte und neue Gedichte versammelt. Das Titelgedicht zeigt in gereimter Aussage die spielerischen Absichten Halbeys: „es wollt’ ein Tänzer auf dem Seil / den Seiltanz tanzen eine Weil’ / und wollt ein Dichter Reim für Reim / den Seiltanz dichten hinterdrein / …“. Das wird noch deutlicher im Gedicht jetzt lockt der Seiltanzschreiber, denn nun greifen lustige Sprachkobolde mit ins Geschehen ein und nehmen vor allem auch den Leser in dieses bunte Treiben mit. Es folgen die Gedichte Urlaubsfahrt, Start einer Grille, Unsere Stadt, Es geistert in der Stadt, Pimpernelle Zwiebelhaut, Pampelmusensalat, Schimpfonade, So was Dummes!, Trotzdem, Elternsprüche, Der Ohrfeigenbaum, Papas Pumpernickelpause, Kleine Turn-Übung, Sieh fern!, Zuviele Fritze, Traktor-Geknatter. Seine Gedichte Start einer Grille, Kommt ein Tag in die Stadt und Es geistern in der Stadt …, ganz in der Tradition der zehn kleinen Negerlein strukturiert, werden in Anthologien der 1970er Jahre abgedruckt, ebenso sein Gedicht Von der Zeit, in dem er auf das unzulängliche Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern aufmerksam macht. Hierin manifestiert sich neben der sprachspielerisch-humorvollen Komponente ein weiterer wesentlicher Aspekt von Halbeys Kinderlyrik, der emanzipatorische.

Vielsagend ist, dass Halbey entsprechend zwei bibliophil gestaltete Anthologien herausgegeben hat. Der Band Schmurgelstein so herzbetrunken (zuerst 1988) versammelt „Verse und Gedichte für Nonsense-Freunde von 9–99“ (am Außentitel „Nonsens“), Kinderreime, Limericks, Sprachspielereien, Schüttelreime, Kettenreime, Klapphornverse u. a., von bekannten Dichtern und Dichterinnen wie Arp, Busta, Ende, Endrikat, Erhardt, Guggenmos, Härtling, Krüss, Morgenstern, Ringelnatz, Rühmkorf, Schwitters, Valentin und vielen anderen sowie aus zahlreichen weiteren Quellen. Das von Rotraud Susanne Berner hervorragend illustrierte Buch gibt einen stringenten Abriss der deutschsprachigen und internationalen Nonsense-Literatur (ein Begriff, den Halbey nicht übersetzen möchte). Der Herausgeber ist nicht nur mit eigenen Gedichten und einigen Übersetzungen/Nachdichtungen vertreten, er bietet auch wichtige Gedanken in einem kurzen Nachwort und vor allem eine Fülle an Literatur und Quellen für dieses Genre.

Der emanzipatorische bzw. ideologiekritische Aspekt trat im Schaffen Halbeys allmählich stärker hervor, auch wenn er schon relativ früh sichtbar wird, in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, in den 1970er Jahren, so dass der Autor hier durchaus einem Trend seiner Zeit folgte, etwa im genannten Gedicht Von der Zeit. Im Gedicht Elternsprüche wird der Fünfjährige ob der dauernden elterlichen Maßregelungen total unsicher. Geradezu typisch ist Halbeys Gedicht Trotzdem: „Wenn die Mama morgens schreit: / Aufstehn, Kinder, höchste Zeit! – / sagt ein richtig braves Kind: / Die spinnt! …“.

Die Vorbilder Halbeys sind klar, Christian Morgenstern, Bertolt Brecht u. a., ebenso sein Ziel, die Rechte der Kinder zu stärken und die Eltern zum pädagogischen Umdenken zu bewegen; der Schluss zeugt von seiner vermittelnden Funktion. Dass die Sprache hier radikaler wird und antiautoritäre Erziehungstendenzen sichtbar werden, ist ebenfalls Ausdruck der Zeit, wie dies auch in Gedichten anderer Autoren, etwa in Susanne Kilians an Brecht angelehntem Kindsein ist süß?, der Fall ist. Gerade mit Kilians Gedicht wird Halbeys Trotzdem gerne in Verbindung gebracht. So stehen beide nicht nur in Hans-Joachim Gelbergs Sammlung Überall und neben dir (1986) beisammen, sondern werden auch didaktisch gerne im selben Kontext behandelt, da sie thematisch auf einer Ebene liegen und gleichermaßen zu heftiger Diskussion und Kritik bei Pädagogen und Eltern geführt haben.

Ähnlich wie im Bereich Nonsens hat auch diese Seite dazu geführt, dass der Autor Halbey hier ebenfalls als Anthologist tätig geworden ist. 1997 erscheint das von Annette Murschetz illustrierte Buch Von wegen – die lieben Kleinen … 70 Versgedichte über ungezogene Kinder. Der Untertitel ist vielsagend, denn damit ist freilich auch impliziert, dass nicht immer nur die Eltern als Schuldige gesehen werden. Bei vielen Autoren und Autorinnen, die Halbey versammelt hat, wie Wilhelm Busch, Erich Kästner, Roald Dahl, Christine Nöstlinger, Janosch u. a., stecken auch Erinnerungen an die Streiche der eigenen Kindheit dahinter, so dass Erwachsene sehen, was auf sie zukommen kann.

Die Skizzierung von Halbeys literarischem Werk wäre unvollständig, würde man nicht auch auf seine Übersetzungen eingehen. Sie entsprechen voll seiner Vorliebe und seinem besonderen Geschick für Sprachspiel und Nonsens. So hat er sehr erfolgreich mehrere Werke von Dr. Seuss (Theodor Seuss-Geisel) aus dem Amerikanischen übersetzt und in illustrierten Ausgaben publiziert, u. a. Die Schnipfen und andere Geschichten; Der Elefant im Vogelnest; Horton hört ein Staubkorn reden; Der Lorax (1973/74). Dazu kamen verschiedene weitere Einzelausgaben, wie etwa Horton hört ein Staubkorn reden.

Freilich kann man gerade beim Genre des Sprachspiels nicht mehr von Übersetzen im eingeschränkten Sinn sprechen, es handelt sich vielmehr um ein Nachdichten, um ein Nachempfinden und großenteils Neudichten, so dass man da erst ermessen kann, welches Sprachvermögen Halbeys hinter dieser Leistung steckt. Ein Beispiel dafür ist das Gedicht Zuviele Fritze, denn Frau Britz hat dreiundzwanzig Söhne, „und jeder hieß Fritz“, so dass bei diesem vielfältigen Namenspiel höchste Kreativität gefordert ist.

 

3 Rezeption und Didaktik

Nicht nur die beiden Gedicht-Anthologien Halbeys waren erfolgreich, auch seine Bände mit eigenen Gedichten erschienen in mehreren Auflagen. Einige seiner Gedichte, Traktor-Geknatter und Pampelmusensalat, wurden für die „Sendung mit der Maus“ verfilmt und vertont. Seine Gedichte wurden immer wieder auch in Anthologien übernommen. Nicht nur in Hans-Joachim Gelbergs Jahrbuch „Geh und spiel mit dem Riesen“ (1971) und in seiner mehrfach aufgelegten Sammlung Die Stadt der Kinder (zuerst 1972) stehen Gedichte von Halbey, sie wurden in allen wichtigen (Kinder-)Gedichtsammlungen der letzten Jahrzehnte abgedruckt Und natürlich wird ihm in Heinz-Jürgen Kliewers literarhistorisch konzipierter Sammlung Die Wundertüte (1989, 2005) mit fünf Gedichten der entsprechende Platz eingeräumt (Traktor-Geknatter, Pampelmusensalat, Trotzdem, Schimpfonade, Kleine Turnübung). In Rainer Wellers Sprachspiele (Arbeitstexte für den Unterricht, Reclam, 1977) dient sein Vers Sprengkraft als Beispiel für den Bereich Homonyme: „Gestern hat der Vater den Rasen gesprengt – / bauz – der Rasen flog in die Luft! …“.

Vor allem einzelne von Halbeys Gedichten, weniger die emanzipatorischen, sind ziemlich schnell zu Lesebuchklassikern geworden, besonders Urlaubsfahrt, über das sich intensiv mit Kindern lebensnah diskutieren lässt, Start einer Grille, in dem der Umwelt- und Naturschutzgedanke aufscheint, und natürlich Pampelmusensalat, Papas Pumpernickelpause und Traktor-Geknatter, die den Höhepunkt kreativer Lautmalerei bilden und für Schüler und Schülerinnen anregend und vorbildhaft für die eigene Produktion sind. 2001 schrieb Halbey, dass Pampelmusensalat „bis heute zusammen mit meinen anderen [Gedichten] die deutschsprachigen Lesebücher“ ziere. Das ist nicht übertrieben, denn tatsächlich standen sie in fast jeder Grundschullesebuchreihe und teilweise darüber hinaus, also auch in Lesebüchern der 5. und 6. Jahrgangsstufe. In einer Auswahl- und Empfehlungsliste bayerischer Deutschdidaktiker für die Grundschule wurde im Jahre 2000 das Gedicht Es wollt ein Tänzer … empfohlen.

Entsprechend gibt es zu allen Gedichten in Fachbüchern und Lesebuch-Begleitmaterialien didaktisch-methodische Hinweise (etwa schon bei Kliewer 1974). Eine 4. Klasse in Grafenwöhr, die sich mit Pimpernelle Zwiebelhaut beschäftigt hat, konnte in brieflicher Kommunikation mit dem Autor diesen dazu anregen, ihre eigenen Produkte dichterisch nochmals fortzusetzen (vgl. Franz 1977, S. 144-145). Ein sehr gelungenes Experiment wurde von derselben Klasse mit dem sprachspielerischen Gedicht Kleine Turn-Übung durchgeführt; es wurde in konkrete realistische Turnübungen rückübersetzt.

Kaum überschaubar sind die Unterrichtsvorschläge zu der Handvoll Gedichte Halbeys, die langjährige Schullektüre geworden sind. Manche Wendungen aus seinen Werken, vor allem aus Pampelmusensalat und Papas Pumpernickelpause, sind sogar als Spielmaterial heute in die Alltagssprache eingegangen, wenn etwa die Überschrift zu einem Ziegenfrischkäse-Rezept folgendermaßen formuliert ist: „Papa Passians Paprika“ (Mittelbayer. Zeitung 17./18.01.2004, U3).

 

Literaturverzeichnis

Primärliteratur (Auswahl)

  • Pampelmusensalat. Dreizehn Verse für Kinder. Ill. v. Günther Stiller. Weinheim: Beltz & Gelberg 1965; Frankfurt am Main, Wien, Zürich: Büchergilde Gutenberg 1966.
  • Das Bilderbuch im Jugendstil. In: Klaus Doderer / Helmut Müller (Hrsg.): Das Bilderbuch. Geschichte und Entwicklung des Bilderbuchs in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart. Weinheim, Basel: Beltz 1973, S. 225-272.
  • Das deutsche Bilderbuch der Gegenwart. In: Alfred C. Baumgärtner (Hrsg.): Deutsches Jugendbuch heute. Velber: Friedrich 1974, S. 37-60.
  • Es wollt’ ein Tänzer auf dem Seil den Seiltanz tanzen eine Weil’. Ill. v. Leo Leonhard. Aarau, Frankfurt am Main: Sauerländer 1977 [18 Gedichte].
  • Im weiten Feld der Buchkunst. Aufsätze, Essays, Satiren, Gedichte. Hrsg. v. Marianne Halbey. Offenbach am Main: Wilhelm Kumm 1982.
  • (Hrsg.): Museum der Bücher. Dortmund: Harenberg Kommunikation 1986.
  • (Hrsg.): Schmurgelstein so herzbetrunken. Verse und Gedichte für Nonsense-Freunde von 9 bis 99. Mit vielen farbigen Illustrationen v. Rotraut Susanne Berner. München: dtv 2001; zuerst München: Hanser 1988.
  • Druckkunde für Germanisten, Literatur- und Geschichtswissenschaftler. Bern [u. a.]: Lang 1994.
  • (Hrsg.): Bilderbuch: Literatur. Neun Kapitel über eine unterschätzte Literaturgattung. Weinheim: Beltz Athenäum 1997 [Bibl.].
  • (Hrsg.): Von wegen – die lieben Kleinen … 70 Versgedichte über ungezogene Kinder. Mit vielen farbigen Bildern v. Annette Murschetz. Zürich: Sanssouci 1997.

Sekundärliteratur

  • Franz, Kurt: Kinderlyrik. Struktur, Rezeption, Didaktik. München: Fink 1979.
  • Franz, Kurt [u. a.] (Hrsg.): Mein erstes Manuskript. 60 Kinder- und Jugendbuchautoren erzählen von ihren ersten Schreiberfahrungen. Mit Kurzbiographien. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren 2001.
  • Franz, Kurt: Halbey, Hans Adolf. In: Franz, Kurt [u. a.] (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon. Loseblatt-Ausgabe. Meitingen: Corian 2017, 63. Erg.-Lfg., S. 1-18 [Bibl.].
  • Halbey, Christoph (Sohn): Brief an Kurt Franz, 03.08.2003.
  • Kliewer, Heinz-Jürgen: Elemente und Formen der Lyrik. Ein Curriculum für die Primarstufe. Hohengehren: Burgbücherei Schneider 1974 (Traktor-Geknatter, S. 24-27; Papas Pumpernickelpause, S. 66-68).