Johannes Herwig

geboren am 28. Oktober 1979 in Leipzig
Schriftsteller

Dr. Andreas Wicke
veröffentlicht am 19.05.2021

1 Biogramm

Johannes Herwig (Foto: Falko Walter)

Johannes Herwig (Foto: © Falko Walter)

Johannes Herwig wird 1979 in Leipzig geboren, wo er bis heute im Stadtteil Connewitz lebt. Nach dem Abitur und einem Studium der Psychologie und Soziologie an der Universität Leipzig ist er Mitbegründer der Filmgalerie Phase IV in Dresden. Doch auch die Arbeit auf dem Bau, seine Tätigkeiten im Kulturbereich sowie die Zeit als Jugendlicher in der Leipziger Punkszene prägen ihn.

Über seine Kindheit in der DDR und eine ebenso markante wie verwirrende Erinnerung aus dem Jahr 1988 – er hat geschwänzt, statt zu den Pionieren zu gehen, und wird erwischt – schreibt Herwig rückblickend:

Neun Jahre. Kein Alter, in dem man sich die Zeit damit vertreibt, gesellschaftliche und politische Zwänge zu reflektieren. An dem Tag, an dem ich verstand, dass ich nicht frei war, schien die Sonne (Herwig 2019, S. 39).

Von seinen Eltern, die 1989 an den Leipziger Montagsdemonstrationen teilnehmen, hat er, so berichtet er weiter,

eine gesunde Skepsis gegenüber ideologischer Beeinflussung mit auf den Weg bekommen, Skepsis gegenüber der allgegenwärtigen militärischen Erziehung und insbesondere Skepsis gegenüber der Pionierorganisation. Drin war ich trotzdem – sei es wegen den Nachteilen im Klassenkollektiv, die meine erst später eingetretenen, älteren Geschwister hatten, sei es weil man beim dritten Kind alles entspannter sieht (ebd.).

Ab 2013 konzentriert sich Herwig auf das eigene Schreiben und erläutert im Interview, was ihn am Beruf des Schriftstellers fasziniert: „Die Erschaffung eigener Welten und gleichzeitig die Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Welt, wie sie uns begegnet und herausfordert“ (Geisler 2019). Mittlerweile sind zwei Romane erschienen, die jeweils von jugendlichen Protestbewegungen handeln: Bis die Sterne zittern (2017) und Scherbenhelden (2020).

 

2 Werk

Herwig: Bis die Sterne zittern (Gerstenberg 2017)

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern (Gerstenberg 2017)

In Johannes Herwigs erstem Roman Bis die Sterne zittern (= BS), den der Hildesheimer Verlag Gerstenberg 2017 herausbringt, geht es um die Leipziger Meuten, eine jugendliche Widerstandsbewegung, die sich in den 1930er-Jahren gegen die staatlichen Jugendorganisationen der Nationalsozialisten stellt und auf die Herwig durch die Forschungsarbeiten des Historikers Sascha Lange aufmerksam wird. Die Leipziger Meuten, so heißt es im Postskriptum des gründlich recherchierten Romans, „besaßen den Mut, ihre abweichende Haltung nach außen zu tragen. Diese Entscheidungen waren sicher nicht immer leicht. Aber möglich. Es liegt an uns, die Erinnerung an sie zu bewahren“ (BS, S. 253).

Harro Jäger wächst in einer sozialdemokratisch geprägten Familie auf, doch seine Eltern raten ihm, sich zu „arrangieren“ (BS, S. 26), sich also dem nationalsozialistischen System anzupassen, um sich die Zukunft nicht zu verbauen. „Hitlerjugend oder Illegalität, etwas anderes existierte nicht mehr“ (BS, S. 35), resümiert Harro. Zwar muss er sich dem Wunsch seiner Eltern beugen und formell in die Hitlerjugend eintreten, schließt sich jedoch auch einer Clique an, die ihre Ablehnung und politische Opposition zunehmend offensiver zeigt: zunächst in der Kleidung, dann auch in Schlägereien mit den Mitgliedern der HJ. Schließlich verfasst Harro eine regierungskritische Schmähschrift, die die Clique in verschiedenen Schaukästen der Stadt aufhängt. Gegen Ende wird er von der Gestapo zu Hause abgeholt, auf dem Revier verhört und muss für einige Tage im Gefängnis bleiben. Die Lage spitzt sich zu und wird für die Jugendlichen immer bedrohlicher, aber sie kämpfen für ihre Freiheit und lassen sich ihre Meinung nicht diktieren.

Es ist bekannt, dass die Leipziger Meuten starken Repressionen durch den NS-Staat ausgesetzt waren, seinen Roman lässt Herwig jedoch offen enden. Trotz aller Zweifel betont Harro: „Natürlich war es das wert. Das zu sein, was und wie man war oder was und wie man sein wollte, war das Wichtigste überhaupt“ (BS, S. 240).

Herwigs zweiter Roman erscheint 2020 wiederum bei Gerstenberg. Auch in Scherbenhelden (= SH) widmet sich der Autor einer jugendlichen Protestbewegung, diesmal thematisiert er die Punkszene in Leipzig Mitte der 1990er-Jahre. Damit setzt er sich von der Wende- oder Mauerfall-Literatur ab und beschreibt jene Folgen der Wiedervereinigung, die er selbst als Kind und Jugendlicher in Ostdeutschland erlebt hat.

Herwig: Scherbenhelden (Gerstenberg 2020)

Johannes Herwig: Scherbenhelden (Gerstenberg 2020)

Nachdem sich der fünfzehnjährige Nino den Punks angeschlossen hat, verändert er sich innerlich wie äußerlich. Während er sich in der neuen Gruppe wohlfühlt, kommt es gleichzeitig zu Konflikten mit seinem Vater, seinem Freund Max, aber auch mit der Polizei sowie den Neonazis. Und auch die bürgerliche Gesellschaft fühlt sich durch die Punks provoziert:

Wir standen, saßen und lagen im hinteren Waggon, an die zwanzig Leute mit Iros, Spikes oder Filz auf dem Kopf. Lederjacken mit ganzen Milchstraßen aus glitzernden Nieten, Hosen aus Flickenfeldern, Bier- und Schnapsflaschen in den Händen. Schiefe Piercings, schlichte Tattoos. Lärm. Als wir am Bahnhof eingestiegen waren, hatten die meisten Fahrgäste bereits die Flucht ergriffen (SH, S. 30).

Seine Schilderung dieser Situation in der Straßenbahn beschließt Nino mit dem Bekenntnis: „Ich fühlte mich großartig“ (SH, S. 30). Einerseits verschafft die Verbindung zur Punkszene ihm also neues Selbstbewusstsein, andererseits fühlt er sich zwischen den Polen bürgerlich-arrivierter Norm und jugendlich-anarchischer Rebellion zerrissen: „Vielleicht ist es das Gefühl, nirgendwo so richtig dazuzugehören“, antwortet er auf die Frage, warum er Punk sei. „Draußen zu stehen. Das vielleicht auch so zu wollen. Aber irgendwie auch Wut darauf zu haben (SH, S. 158).

Die historische Umbruchsituation, in der Nino aufwächst, prägt auch seine Lebensgeschichte: Als Kind ist er bei den Thälmann-Pionieren, als Jugendlicher muss er sich im wiedervereinigten Deutschland neu orientieren. Die Zukunftsaussichten für seine Generation sind wenig optimistisch, Ninos Mutter hat die Familie verlassen und ist in den Westen gegangen. So lässt sich der Titel des Romans nicht nur auf die Zerstörungen jener Aktion beziehen, die im Roman als „Scherbendemo“ (SH, S. 208) bezeichnet wird, „Scherbenhelden“ sind auch jene Jugendlichen, deren fragile Biographie aus Bruchstücken unterschiedlicher Ideologien und Lebenswelten zusammengesetzt ist.

Für die Identifikation innerhalb der Punkszene ist Musik von zentraler Bedeutung, insgesamt sei sie in seinen „Geschichten ein wichtiges und verbindendes Element“, sagt Herwig in einem Interview, in dem es auch um seine persönlichen Musikpräferenzen geht. Metal und Punk, so erzählt er, fand er immer „cool, hatte aber szenemäßig eindeutig mehr Bock auf Punk, dessen krawallige Anti-Haltung hat mich damals voll abgeholt“ (Christian 2021). Dieses Credo überträgt er auf seine Figuren. Während in Scherbenhelden klassische Musik „plätschert […]“ (SH, S. 52) und Popmusik „dudelt […]“ (SH, S. 73) oder „scheppert“ (SH, S. 96), ist es die Musik der Punks, die elektrisierend auf Nino wirkt: „Der Bass fuhr mir direkt in den Körper und schien dort zu explodieren. Ich hatte noch nie derart laute Musik gehört“ (SH, S. 55), beschreibt er und erwähnt Bands wie Boskops, Tarnfarbe, Wizo oder Exploited. Musik kompensiert überdies, dass vieles nicht ausgesprochen wird. Scherbenhelden sei, so schreibt Rezensent Ralf Julke in der Leipziger Zeitung, auch ein Roman über die Sprachlosigkeit:

Die kurzen Brocken, mit denen sich Vater und Sohn, aber auch die Punks selbst untereinander verständigen, erzählen Welten, sind so typisch, dass darin die ganze Muffeligkeit der späten DDR spürbar wird, diese Unfähigkeit, von sich selbst zu sprechen und sich dem Gegenüber zu öffnen. Und gerade weil diese Fast-nicht-Dialoge so knapp sind, erzählen sie eine Menge über die unterdrückten Gefühle, die ausgebremsten Leben und die eingeübte Scheu davor, sich selbst den Nächsten durch Offenheit auszuliefern. Und damit verletzlich zu machen (Julke 2020).

Vergleicht man die bislang erschienenen Romane, finden sich deutliche Parallelen: Beide Texte sind in Leipzig angesiedelt und spielen bisweilen an identischen Orten. Beide werden aus der Ich-Perspektive von Harro respektive Nino erzählt und bauen durch ihren proleptischen Einstieg gleich zu Beginn Spannung auf. Die jeweilige Anfangsszene bricht ab, anschließend wird die Handlung chronologisch erzählt und bewegt sich allmählich wieder auf die Einstiegsepisode zu. In beiden Romanen werden Gattungselemente des Adoleszenzromans und des zeitgeschichtlichen Romans verbunden. Doch obwohl es um jugendliche Individuation und adoleszente Themen geht, bilden der historische Hintergrund und die Topographie Leipzigs nicht bloß die Kulisse, sondern prägen ganz wesentlich die Handlung sowie die Figuren, die als Jugendliche den Wechsel zwischen zwei politischen Systemen erleben und sich einer oppositionellen Bewegung anschließen.

Auf seine Nähe zum filmischen Erzählen angesprochen erläutert Herwig im Interview:

Ich arbeite einfach unglaublich gern mit sprachlichen Bildern und lebendigen Szenen. Seitenlange Beschreibungen von irgendwelchen Kleidungsstücken oder hintergründige Erklärungen, was es mit meinen Protagonisten so auf sich hat – das liegt mir überhaupt nicht. Ich lasse meine Figuren lieber etwas tun (Bendixen 2020).

Weiterhin lassen sich auch die grundlegenden Analogien zwischen jugendlichem Widerstand im Nationalsozialismus und der antibürgerlichen Rebellion der Punks nicht leugnen, im Interview differenziert Herwig jedoch:

Gefühlsmäßig sind diese Parallelen natürlich da – Abgrenzung, Auflehnung, eigene Strukturen etablieren; aber auch über die Stränge schlagen, die Clique als Familienersatz… Andererseits denke ich, die meisten Meutenmitglieder wären wohl ziemlich empört, wenn man sie mit dem Lifestyle- und Mode-Ding Punk, das es ja heutzutage fast nur noch ist, in einen Topf stecken würde. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Rebellieren im Nationalsozialismus Gefängnis und Tod bedeuten konnte. Mit Sicherheit hat allerdings meine Biographie ihren Anteil daran, dass mich die Meuten so interessiert haben bzw. interessieren (Geisler 2019).

Eine grundsätzliche Absicht, die der Autor im Nachwort von Bis die Sterne zittern formuliert, lässt sich hingegen auf beide Texte beziehen: „Ich wollte Geschichte erlebbar machen“ (BS, S. 252).

3 Rezeption

Johannes Herwigs Romane sind von der Kritik positiv aufgenommen worden: Sein literarisches Debüt wird sowohl mit dem Paul-Maar-Preis für junge Talente ausgezeichnet als auch für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert. „Die Leipziger Meuten sind keine strahlenden Helden, sondern ganz normale Jugendliche, die über Fragen diskutieren, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben“, heißt es in der Jurybegründung. „In kurzen, markanten Sätzen beschreibt Johannes Herwig authentisch und berührend Harros Bemühen, seinen Weg zu finden“ (Jurybegründung 2018). Auch Lukas Oetzel (2020) lobt in seiner Rezension einen „spannende[n] Roman mit fesselnder Handlung und gut recherchiertem historischem Hintergrund“. Über Scherbenhelden schreibt Eva-Maria Magel (2020) in der FAZ, es gelinge Herwig, „über weite Strecken einen authentisch wirkenden Ton anzuschlagen“, und Sylvia Schwab (2020) befindet, der Roman sei „ein echter Pageturner“.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

  • Bis die Sterne zittern. Hildesheim: Gerstenberg 2017 (= BS).
  • Scherbenhelden. Hildesheim: Gerstenberg 2020 (= SH).
  • Kreuzung. Der Tag, an dem ich verstand, dass ich nicht frei war. In: Schwarwel/Sandra Strauß (Hrsg.): 1989. Lieder unserer Heimat. Der Almanach zum Lebensgefühl der Aufwachsenden. Leipzig: Glücklicher Montag 2019, S. 39.

Internetquellen

  • Bendixen, Katharina: „Ich lasse meine Figuren lieber etwas tun“. Der Schriftsteller Johannes Herwig über seinen zweiten Leipzig-Roman. In: kreuzer online, 03.11.2020 [letzter Aufruf: 06.05.2021].
  • Christian: Musik trifft Literatur #6 – mit Johannes Herwig. In: Vinyl-Keks, 11.04.2021 [letzter Aufruf: 06.05.2021].
  • Geisler, Saskia: „Am Anfang steht die Recherche“. Johannes Herwig im Interview über „Bis die Sterne zittern“. In: lies-geschichte.de, 25.01.2019 [letzter Aufruf: 06.05.2021].
  • Julke, Ralf: Scherbenhelden: Johannes Herwigs Punk-Roman aus den 1990er Jahren in Leipzig. In: Leipziger Zeitung, 13.07.2020 [letzter Aufruf: 06.05.2021].
  • Jurybegründung DJLP. In: Arbeitskreis Jugendliteratur, 2018 [letzter Aufruf: 06.05.2021].
  • Magel, Eva-Maria: Lieber Verlierer. In: FAZ, 23.10.2020 [letzter Aufruf: 06.05.2021].
  • Oetzel, Lukas: Herwig, Johannes: Bis die Sterne zittern. In: KinderundJugendmedien.de, 17.04.2020 [letzter Aufruf: 06.05.2021].
  • Schwab, Sylvia: Saufen, klauen, prügeln – und der ganze andere Scheiß. Johannes Herwig: „Scherbenhelden“. In: Deutschlandfunk Kultur, 17.07.2020 [letzter Aufruf: 06.05.2021].
  • Wicke, Andreas: Herwig, Johannes: Scherbenhelden. In: KinderundJugendmedien.de, 01.07.2020 [letzter Aufruf: 06.05.2021].