Kathrin Schrocke

geboren 1975 in Augsburg
Schriftstellerin im Bereich Kinder- und Jugendliteratur

Dr. Iris Schäfer
veröffentlicht am 19.05.2021

 

1 Biogramm

Kathrin Schrocke (Foto: Ingo Dumreicher Fotografie/Carlsen)

Kathrin Schrocke (Foto: Ingo Dumreicher Fotografie)

Kathrin Schrockes schriftstellerisches Talent machte sich schon während ihrer Schulzeit in Gersthofen bemerkbar und wurde hier auch gefördert. Die Schultheatergruppe führte zwei ihrer Theaterstücke auf, ein Creative-Writing-Kurs wurde eingerichtet und ihre ersten Lesungen wurden von Lehrenden vermittelt (vgl. Essig/Schrocke 2007, S. 8).

Für ihr Engagement an ihrer Schule erhielt sie den Anerkennungspreis des Bayerischen Kultusministeriums. Nach dem Abitur studierte Kathrin Schrocke Germanistik und Psychologie in Bamberg. Im Anschluss lebte sie für einige Zeit in einer mexikanischen Wüstenstadt, danach auf einem Bauernhof in Franken sowie einem abgelegenen Kloster im Taubertal. Neben einem Praktikum bei der Redaktion der Brigitte Young Miss absolvierte sie den Fernkurs für Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft der STUBE in Wien und arbeitete zwei Jahre als Pressereferentin des Loewe-Verlags in Bayreuth. Seit 2004 arbeitet sie als freie Autorin. Aktuell lebt sie in Essen und Leipzig.

 

2 Überblick über das kinder- und jugendliterarische Werk

Schrocke: Freak City (Carlsen 2013)

Freak City (Carlsen 2013)

Kathrin Schrocke schreibt sowohl für eine kindliche als auch für eine jugendliche Leserschaft. Hierbei profitiert sie nicht nur von ihrem literaturwissenschaftlichen und germanistischen Studium sowie dem Fernstudium der STUBE, sondern auch von einer gewissenhaften Auseinandersetzung mit den Themen, die sie in ihren Texten verarbeitet. So hat sie sich während der Arbeit an ihrem Roman Freak City, der im Jahr 2011 von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, in das Thema eingelesen, aber auch die Gebärdensprache erlernt und sich mit gehörlosen Menschen getroffen, um die Lebens- und Erfahrenswelt der gehörlosen Figur Lea glaubhaft und authentisch abbilden zu können (vgl. Brendel-Perpina 2011, S. 43). Aufgrund des dezidierten Interesses an der Darstellung emotionaler Grenzerfahrungen, übernimmt sie auch zahlreiche Auftragsarbeiten, etwa von der Evangelischen Militärseelsorge, dem Psychotraumazentrum der Bundeswehr in Berlin, dem Polizeipsychologischen Dienst Hessen sowie der Caritas (vgl. www.kathrin-schrocke.de/vita 2021). Auch bei ihren zahlreichen Pferdebüchern handelt es sich um Auftragsarbeiten, die sie ebenso gewissenhaft umsetzt wie die Arbeit an thematisch frei gewählten Texten. Ihr umfangreiches und überaus vielseitiges Werk umfasst aktuell 3 Theaterstücke, 27 Kinder- und Jugendbücher sowie 9 Erzählungen in Sammelbänden (Stand März 2021) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Einige Texte liegen in Übersetzungen vor; ihr erfolgreichster Roman Freak City wurde bereits in sieben Sprachen übersetzt und im Jahr 2020 verfilmt (Erscheinungsdatum: Mai 2021).

Auch wenn ihre Texte nicht biografisch seien (vgl.: www.kathrin-schrocke.de/vita 2021), sind ihre Erzählungen mitunter von ganz persönlichen Interessen und auch eigenen Erfahrungen geprägt. Wie die Hauptfigur Karl aus Immer kommt mir das Leben dazwischen (2019) hat sie einige Jahre in einem Mehrgenerationenhaus gelebt (vgl. ebd.) und wie Barnie aus Mein Leben und andere Katastrophen (2015) lebte sie in Berlin und lernte Kinder aus Regenbogenfamilien kennen (vgl.: ebd.). Zudem zeugt ihr Werk von einer ausgeprägten Leidenschaft für Kinder- und Jugendbücher bzw. dem Lebensgefühl, das hier vermittelt wird. Nach wie vor ziehe sie einen guten Jugendroman einem guten Erwachsenenroman vor (vgl. Essig/Schrocke 2007, S. 28).

Schrocke: Lolle und die furchtlosen Zwillinge (Loewe 2004)

Lolle und die furchtlosen Zwillinge (Loewe 2004)

Schrocke: Andi Erbsenbein und das Humperdock (Oetinger 2007)

Andi Erbsenbein und das Humperdock (Oetinger 2007)

Mit ihren Erzählungen deckt sie zahlreiche Genres ab und offenbart ein besonderes Gespür für aktuelle Trends. Das frühe Werk umfasst unter anderem Vampir- und Pferdegeschichten für eine kindliche Leserschaft; die späteren Jugendbücher fokussieren gesellschaftlich brisante Themen sowie psychologische Grenzerfahrungen. Ihr Instinkt für aktuelle Trends kommt etwa darin zum Ausdruck, dass sie schon im Jahr 2006 das aktuelle Trendthema kindlicher bzw. jugendlicher Transsexualität in Finding Alex künstlerisch verarbeitet. Hier geht sie auch das Wagnis der Verwendung von Jugendsprache ein (vgl.: ebd. S. 8), was sie besonders reizte, da Jugendsprache „mit Tabus spielt, provoziert und eine generelle gesellschaftliche Atmosphäre spüren lässt“ (ebd.). Der sensible und gewissenhafte Umgang mit Sprache kommt schon in ihren Erstlesegeschichten (etwa Lolle und die furchtlosen Zwillinge, 2004, den Sternschnuppengeschichten, 2006, Andi Erbsenbein und das Humperdock, 2007, oder dem Abenteuer in der Geistervilla, 2008) zum Ausdruck.

In kurzen Sätzen und mit einfacher, leicht verständlicher Sprache, erzählt sie kurzweilige, fantastische Abenteuergeschichten, die um den Einbruch magischer Gegenstände und Wesen in den Alltag der kindlichen Figuren kreisen.

Schrocke: Pferdefreunde - für immer (Loewe 2008)

Pferdefreunde – für immer (Loewe 2008)

Schrocke: Falsche Cowboys, wahre Liebe (Loewe 2006)

Falsche Cowboys, wahre Liebe (Loewe 2006)

In ihren zahlreichen Pferdegeschichten, wie etwa Falsche Cowboys, wahre Liebe (2006), oder Pferdefreunde – für immer! (2008) erzählt sie realistische, allerdings dem Genre entsprechende mitunter sentimental gefärbte Liebesgeschichten. Da es sich um Auftragsarbeiten handelt, erscheint es nicht verwunderlich, dass Schrocke die eingefahrenen Pfade klischeebehafteter Darstellungen nicht verlässt.

Als weitaus kreativer und vielseitiger erweisen sich hingegen ihre zahlreichen Jugendbücher wie Finding Alex (2006), Dorfprinzessinnen (2009), Freak City (2010), Mein Leben und andere Katastrophen (2015) oder Immer kommt mir mein Leben dazwischen (2019).

Schrocke: Mein Leben und andere Katastrophen (FISCHER Sauerländer 2015)

Mein Leben und andere Katastrophen (FISCHER Sauerländer 2015)

Schrocke: Immer kommt mir das Leben dazwischen (mixtvision 2019)

Immer kommt mir das Leben dazwischen (mixtvision 2019)

Hier spielt Schrocke nicht nur mit unterschiedlichen sprachlichen, sondern auch mit variantenreichen erzähltechnischen Mitteln, etwa jenem der Tagebuchform (in Mein Leben und andere Katastrophen) oder der Aufnahme verschiedener Genres. Während sie mit Dorfprinzessinnen einen spannungsvollen Thriller vorlegt, der im Jahr 2010 für den Hansjörg-Martin Krimipreis für den besten Jugendkrimi nominiert wurde, erzählt sie in Mein Leben und andere Katastrophen und Immer kommt mir mein Leben dazwischen in einem komisch-ironischen Stil vom Alltag der Hauptfiguren Barnie und Karl. Beide Figuren sind 13 Jahre alt, Barnie hat zwei Väter, ein Faible für Lyrik und romantische Träume, die sich in ihrer ersten Beziehung allerdings nicht verwirklichen, da ihr Freund kein Verständnis für Menschen hat, deren Lebensgeschichte so bunt ist wie die Farben des Regenbogens (vgl. Schrocke 2015, S. 143f.). Karls Eltern arbeiten in der Wissenschaft; er träumt von seinem vor einem Jahr plötzlich verstorbenen Großvater, der ihm erst vorschlägt, You-Tube-Star zu werden und dann darum bittet, dafür zu sorgen, dass Karls Großmutter einen Platz in einem Mehrgenerationenhaus bekommt. Die Erzählungen kreisen um große Erwartungen, die nicht immer der Realitätsprüfung standhalten. Mit Witz und Einfühlungsvermögen gewährt Schrocke einen Einblick in das Gefühlsleben der adoleszenten Figuren. Die tragikomischen Elemente erfüllen die Funktion der Entlastung der jugendlichen Leserschaft (vgl. Schäfer 2017, S. 106), wenn es um ernste Themen wie den noch nicht verarbeiteten Verlust des Großvaters in Immer kommt mir mein Leben dazwischen geht, den Karl so sehr vermisste, „dass es wehtat“ (Schrocke 2019, S. 29).

Im Unterschied zu zahlreichen anderen Jugendbuchautoren, deren Hauptfiguren meist das gleiche Geschlecht wie ihre Urheber:innen aufweisen, fokussiert Schrocke in ihren jugendliterarischen Erzählungen sowohl weibliche als auch männliche Figuren, deren Selbst- und Weltwahrnehmung sie glaubhaft aus der Ich-Perspektive schildert. Hierdurch lässt sie die Lesenden nah an ihre Figuren heran, überlässt es jedoch auch ihnen, die Lücken, die diese limitierte und einseitige Sicht auf die Vorkommnisse mitunter eröffnet, zu schließen. Eine der großen Stärken ihres abwechslungsreichen Oeuvres besteht in der glaubhaften Abbildung jugendlicher Sicht- und Lebensweisen. Sowohl in ihren kinder- als auch in ihren jugendliterarischen Erzählungen passt sie sich an die Wünsche der Leserschaft an  und schafft fantasievolle Unterhaltungsliteratur für kindliche Lesende sowie spannende, abwechslungsreiche und mitunter tragikomische Literatur für Jugendliche, deren Potenzial als Schullektüre bereits erkannt wurde.

 

3 Rezeption

Kathrin Schrockes kinder- und jugendliterarische Texte werden sowohl von der Zielgruppe als auch von der Fachöffentlichkeit geschätzt, wovon die zahlreichen Auszeichnungen, mit denen ihr Werk versehen wurde, zeugen. Neben zahlreichen kleineren Auszeichnungen, wie dem „Schlafräuber“-Preis für Finding Alex im Jahr 2006, dem Gewinn des Zigarettenroman-Wettbewerbs von jetzt.de und dem Blumenbar Verlag, der Auszeichnung des Deutschlandradios in der Kategorie der besten 7 Bücher für junge Lesende und dem Dillinger Kulturpreis, erhielt sie im Jahr 2007 ein Arbeitsstipendium im Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop und 2008 ein Arbeitsstipendium im internationalen Künstlerdorf Schöppingen (beide gefördert durch das Land Nordrhein-Westfalen). Im Jahr 2009 wurde sie mit dem Kunstförderpreis der Stadt Augsburg geehrt. 2010 war Dorfprinzessinnen für den Hansjörg-Martin Krimipreis für den besten Jugendkrimi nominiert, für Freak City erhielt sie den Harzburger Jugendliteraturpreis und den Nettetaler Jugendliteraturpreis. Im Jahr 2011 war Freak City für den Deutschen Jugendliteraturpreis sowie die Goldene Leslie, den Jugendbuchpreis des Landes Rheinland-Pfalz nominiert. Auf der Buchmesse in Krakau 2012 erhielt der Roman die Auszeichnung: „bester Jugendroman international“. Im Jahr 2016 folgten Ehrungen als „Writer in Residence“ der Villa Decius in Krakau sowie der Luxemburgischen „Struwwelpippi kommt zur Springprozession“. 2017 erhielt sie einen Platz als Stadtschreiberin in Hausach sowie eine Nominierung für den Mannheimer Feuergriffel der Stadt Mannheim. Im Jahr 2019 erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Kulturministeriums Nordrhein-Westfalen. Weitere Auszeichnungen und Preise sind zu erwarten. Vor dem Hintergrund der großen Resonanz und Anerkennung ihres Werks, erscheint der Umstand, dass Schrockes umfangreiches und so vielseitiges Oevre bisher kaum aus literaturwissenschaftlicher Perspektive analysiert wurde, geradezu unerklärlich. In einem Interview geht sie hierauf ein und kritisiert nicht nur den Umstand, dass es im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur viel weniger Stipendien und Preise als im Bereich der Erwachsenenliteratur gibt, sondern auch, dass es an fundierter, kritischer Auseinandersetzung mit den Texten mangelt, da jeder glaubt, etwas über diese Textsorte sagen bzw. schreiben zu können. Auch die mangelnde Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit moniert sie (vgl. Essig/Schrocke 2007, S. 28). Es bleibt zu hoffen, dass diese Forschungslücke im Bereich der neueren Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft in naher Zukunft geschlossen wird. Schrocke wird ungeachtet dessen weiterschreiben und ihr vielseitiges Werk ergänzen, denn „[w]ir Kinderbuchautoren schaffen mit unserer Literatur die erwachsenen Leser von morgen, und das ist einfach ein gutes Gefühl!“ (ebd.)

 

Literaturverzeichnis (chronologisch)

Primärliteratur

  • Immer kommt mir das Leben dazwischen. München: Mixtvision: 2019.
  • Mein Leben und andere Katastrophen. Frankfurt am Main: S. Fischer 2015.
  • Freak City. Mannheim: Sauerländer 2010.
  • Dorfprinzessinnen. Düsseldorf: Sauerländer 2009.
  • Pferdefreunde – für immer! Bindlach: Loewe 2008.
  • Abenteuer in der Geistervilla. Bindlach: Loewe 2008.
  • Andi Erbsenbein und das Humperdock. Hamburg: Oetinger 2007.
  • Finding Alex. Hamburg: Oetinger 2006.
  • Sternschnuppengeschichten. Bindlach: Loewe 2006.
  • Falsche Cowboys, wahre Liebe. Bindlach: Loewe 2006.
  • Lolle und die furchtlosen Zwillinge. Bindlach: Loewe 2004.

Forschungsliteratur

  • Brendel-Perpina, Ina: Zwischen zwei Welten – Der cg-Leseclub, Mitglied der Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises, traf Kathrin Schrocke. Deren Buch Freak City hatte der Leseclub 2011 auf die Nominierungsliste gesetzt. Bericht über eine besondere Begegnung. In: JuLit 37 (2011), H. 4., S. 42-44.
  • Essig, Rolf-Bernhard: „Ein gutes Gefühl“ – Die Augsburger Kinder- und Jugendbuchautorin Kathrin Schrocke. In: Bulletin Jugend & Literatur. Kritisches Monatsmagazin für Kinder- und Jugendmedien, Leseförderung und Lesekultur 38 (2011), H. 3, S. 8, 28.
  • Schäfer, Iris: Jenseits der Komik – Die Gefährdung der familiären Symbiose durch erkrankte kindliche und jugendliche ProtagonistInnen innerhalb der Sick Lit. In: kjl&m (2017), S. 103-116 (Sonderausgabe 2017: Familienaufstellungen in Kinder- und Jugendliteratur und Medien).

Internetquellen

Schrocke, Kathrin: Vita. In: kathrinschrocke.de [letzter Aufruf: 30.03.2021]