Arne Rautenberg

geboren am 10. Oktober 1967 in Kiel
Schriftsteller und Künstler

Dr. Agnes Blümer
veröffentlicht am 03.04.2022

 

1 Biogramm

Arne Rautenberg (Foto: © Peter Hammer Verlag)

Arne Rautenberg (Foto: © Peter Hammer Verlag)

Arne Rautenberg wurde 1967 in Kiel geboren. Er studierte dort Kunstgeschichte, Neuere Deutschen Literaturwissenschaft und Volkskunde. Er lebt als freier Schriftsteller und Künstler in seiner Geburtsstadt und hatte Lehraufträge an der Muthesius-Kunsthoch­schule Kiel, der Universität Hildesheim und dem Deutschen Literaturinstitut in Leipzig inne (vgl. zu den biographischen Angaben arnerautenberg.de). Er schreibt Gedichte, arbeitet aber auch „im bildkünstlerischen Bereich an Collagen, visueller Poesie und großflächigen Schriftinstallationen“ (arnerautenberg.de). Rautenberg wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und 2017 in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. Er ist vor allem für seine Lyrik, besonders seine Kindergedichte, bekannt. Für den Gedichtband unterm bett liegt ein skelett wurde Rautenberg im Jahr 2016 mit dem ersten Josef Guggenmos-Preis für Kinderlyrik der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet.

 

2 Überblick über das Werk

Eine große Rolle in Arne Rautenbergs Werk spielt die Kinderlyrik – es sind (neben Lyrikbänden für Erwachsene) bis heute allein zehn Gedichtbände für Kinder erschienen, dazu zahlreiche einzelne Kindergedichte, die in Anthologien publiziert sind. Besonders bekannt ist Rautenberg hier für seine komischen und sprachspielerischen, aber oft auch hintergründigen Gedichte sowie seine Gedichtbände zu überraschenden Themengebieten, etwa unterm bett liegt ein skelett. gruselgedichte für kinder, oder zuletzt ein auf Vögel fokussierter Gedichtband fünfzehn kilokolibri. gedichte zum abheben.

Zu Rautenbergs Werk gehören jedoch auch seine Gedichte für Erwachsene, seine theoretisch-literarischen Auseinandersetzungen mit anderen Künstlern, etwa 2019 Ich habe Emily Dickinson zwischen die Rippen meiner Heizung in San Francisco geklemmt, über Richard Brautigan), sein Roman Der Sperrmüllkönig, 2002, seine sogenannten optischen Gedichte, beispielsweise 2014 zehn optische gedichte, Sammlung haus-n Kiel (zur Online-Ausgabe) und nicht zuletzt sein Wirken als bildender Künstler mit zahlreichen Ausstellungen von Collagen und Schriftinstallationen, zuletzt etwa bei der Kunstausstellung 2021 WASTE ART an der Johannes Kepler Universität Linz.

 

3 Kinderlyrik

Arne Rautenbergs Produktivität auf dem Feld der Kinderlyrik ist bemerkenswert; mit zehn Gedichtbänden in den letzten 15 Jahren ist er – vielleicht neben Uwe-Michael Gutzschhahn – einer der Kinderlyriker mit den meisten aktuellen Veröffentlichungen. Besonders hervorzuheben ist hier, dass seine Gedichte nicht nur in Anthologien erscheinen, sondern dass Arne Rautenberg konsistent und regelmäßig, also im Abstand von ein bis zwei Jahren, Einzel-Gedichtbände publiziert. Die meisten dieser Gedichtbände sind im Peter Hammer Verlag erschienen, verschiedene bekannte Künstler und Künstlerinnen steuern Illustrationen bei, wobei es häufig Zusammenarbeiten über mehr als einen Gedichtband hinweg gibt, etwa mit Nadia Budde, Jens Rassmus und Katrin Stangl. Die Texte werden von schlichten oder plakativen Illustrationen ergänzt oder gespiegelt. Auch Gedichte selbst werden immer wieder zu Bildern, wenn es einzelne „optische Gedichte“ – so nennt Rautenberg seine visuelle bzw. konkrete Poesie – oder Spiele mit Schrift- und Leserichtung gibt. Häufig steht als letztes Gedicht im Band, fast schon im Impressum, noch eines dieser visuellen Gedichte als Schlusswort und -bild.

Rautenberg: kuddelmuddelremmidemmischnickschnack (Peter Hammer 2020)

kuddelmuddelremmidemmischnickschnack (Peter Hammer 2020)

Obwohl die Gedichte und Gedichtbände sehr vielfältig sind, finden sich doch wiederkehrende Themen und Merkmale: Tiere, besonders Insekten u. ä., kommen häufig vor und werden personifiziert, auch personifizierte Dinge spielen häufig eine Rolle. Besonders die neueren dieser Gedichtbände haben oft einen durchgehenden thematischen Fokus, wie etwa zuletzt mit fünfzehn kilokolibri. gedichte zum abheben die Vogelwelt. Viele der Kinder-Gedichtbände sind auch für Erwachsene geeignet, zumindest als Vorleser/innen oder Mitleser/innen, einige Gedichtbände sind auch explizit mehrfachadressiert. So trägt kuddelmuddelremmidemmischnickschnack den Untertitel „Gedichte für alle!“.

Kennzeichnend für Rautenberg sind in allen diesen Gedichtbänden die komischen Effekte, besonders seine Sprachkomik, die bis zum Nonsens reichenden Wortspiele, die Alltags- und Popkulturbezüge der Texte („vögel sind wie pokémon“, Rautenberg 2021a, S. 6), aber auch die oft parodistischen Bezüge zu kinderliterarischen Traditionen (etwa zu Kniereiterversen, Weihnachtsliedern oder Märchen), die häufig listenartige Struktur der Gedichte sowie der Verzicht auf Großschreibung und Zeichensetzung in fast seiner gesamten Kinderlyrik.

Einer der ersten Gedichtbände Rautenbergs, der wind lässt tausend hütchen fliegen, ist 2010 mit Illustrationen von Karsten Teich in der für die aktuelle Kinderlyrik sehr angesehenen Reihe „Gedichte für neugierige Kinder“ des Boje-Verlags erschienen. Hier sind bereits die für Rautenbergs Kinderlyrik charakteristischen Sprachspiele zu finden, die zur Auseinandersetzung mit Sprache anregen. Auch wird hier schon mit durchgehender Kleinschreibung und entsprechenden Verfremdungseffekten die Aufmerksamkeit auf Sprache und Sprachliches gelenkt. So ist in annäherung an ein gespräch der raben (Rautenberg 2010, S. 8 f.) lautmalerisch in Ein-Wort-Versen das Gekrächze der Raben abgebildet („ragga / rack / ragga / rack / rack“ etc.). Das „reireirei“ parodiert sprachspielerisch einen Kniereitervers der kinderlyrischen Folklore, nämlich „Hoppe, hoppe Reiter“, der bei Rautenberg mit „macht der reiter mpfmpfmpf“ (Rautenberg 2010, S. 11) endet. Es findet sich mit ABC-Gedichten (A wie ein schlangenförmiger knochenfisch, Rautenberg 2010, S. 12), mehreren Tiergedichten (etwa libellenflug, ebd., S. 6), Gedichten über kindliche Gefühle (bist du ein angsthase oder ein muthase, wenn nike einmal traurig ist, ebd., S. 18 u. 37), Schlafliedern (wenn die schafe schlafen wollen, ebd. S. 22, oder letzte worte, ebd. S. 60 f.), Gruselgedichten (die truhe, ebd., S. 44) und komisierten Gedichten zu Jahreszeiten („frühling / frühmer / frübst / frühter“, ebd., S. 52) beinahe die ganze Bandbreite der Kinderlyrik.

Eine ähnliche Bandbreite weist auch der folgende Gedichtband für Kinder, montag ist mützenfalschrumtag, auf, der 2014 – wie auch alle weiteren Gedichtbände Rautenbergs – im Peter Hammer Verlag erschienen ist, in diesem Fall mit Illustrationen von Jens Rassmus. Auch hier finden sich viele Tiergedichte, Sprachspielerisches und Komisches sowie die Thematisierung kindlicher Sorgen, Ängste und Alltagsituationen. Hinzu kommen die schon im Titel angedeuteten Perspektivwechsel und Verdrehungen, die ebenso charakteristisch für Rautenberg werden. In fischblick betrachten die Menschen den Fisch im Aquarium, aber auch dessen Blick zurück wird eingefangen:

doch der fisch mit
totem blick
schaut eiskalt
zu dir zurück
(Rautenberg 2014, S. 33).

In donnerstag ist gegenteiltag wird in nonsensartiger Mundus-Inversus-Tradition das Gewohnte ins Gegenteil verkehrt, und wie nebenbei werden hier augenzwinkernd auch poetologische Fragen aufgeworfen:

heute ist donnerstag da mag ich dich nicht
wenn du jetzt schweigst dann du doch sprichst
kaum wird es dunkel gibt’s plötzlich licht
heute ist donnerstag und dies kein gedicht
(Rautenberg 2014, S. 30).

In allen Gedichtbänden Rautenbergs finden sich Gedichte, die man als Listen verstehen kann oder die explizit als Listen inszeniert werden, etwa durch eine entsprechende Überschrift (z. B. einkaufsliste von mutter frosch, Rautenberg 2010, S. 29) oder durch die typographische Gestaltung, gegebenenfalls sogar durch Nummerierungen. Dies ist der Fall etwa in „was ich heute gebrauchen kann“, wenn in einer Parodie einer To-do-Liste kindliche Wünsche oder Bedürfnisse gesammelt werden:

mindestens einmal heiß duschen
mindestens zwei warme puschen
mindestens drei crêpes mit nutella
mindestens vier atemzüge an deinem haar
mindestens fünf fallrückzieher aufs tor
(Rautenberg 2014, S. 35).

Während viele dieser Listengedichte durchaus sehr komisch wirken (wie etwa hier durch die unreinen Reime) und beispielsweise Sprachspiele oder erfundene Etymologien versammeln (etwa „stimmt es wirklich dass“ Rautenberg 2010, S. 17), sollte man sich davon doch nicht täuschen lassen.

Trotz aller Komik und aller Sprachspiele Rautenbergs finden wir auch immer wieder die einfühlsame Beschreibung kindlicher Gefühle. So fungieren einige der Listengedichte als ein Fokus auf kindliche oder jugendliche Lebensräume und Alltagssituationen. Dies ist etwa der Fall in wo zuhause ist, erschienen 2019 in rotkäppchen fliegt rakete.

Rautenberg: wo zuhause ist, in: rotkäppchen fliegt rakete (Peter Hammer 2017, S. 30/31)

wo zuhause ist, in: rotkäppchen fliegt rakete (Peter Hammer 2017, S. 30/31)

Wie bei einer Kamerafahrt, die sich einem Schauplatz immer weiter annähert, entsteht die Idylle innerhalb der Stadt; dieser idyllische Raum wird in der Illustration von Jens Rassmus durch die Schneekugel angedeutet. Die Stadt ist gewissermaßen der verlässliche Aufbewahrungsort für die konzentrischen Kreise der wichtigen Elemente des kindlichen Alltags und Lebens, der Lebensraum. Zusätzlich zu der Bewegung des Heranzoomens finden sich in den in den einzelnen Strophen Enumerationen bzw. Listen sowohl auf vertikaler als auch horizontaler Ebene. Für die erste Strophe werden nach dem Eingangsvers „zuhaus ist wo ich alles kenn“ aufgelistet:

in meiner stadt die kirchturmuhr
samt taubenschlag und ziffernblatt
schornsteinfeger schildergassen
den bettler an der Straßenecke
und beim bäcker die zimtschnecke
(Rautenberg 2019, S. 30 f.).

Das Asyndeton „schornsteinspitzen schildergassen“ ist eine eigene Liste in der Liste, eine weitere Schachtelung, wie sie auch in den folgenden Strophen noch vorkommt. Die Strophen beginnen alle mit dem die Liste überschreibenden Vers „zuhaus ist wo ich alles kenn“ im vierhebigen Jambus, der aber jeweils nur einige Zeilen durchgehalten wird, um dann in freiere Rhythmen überzugehen. In eine Art Regelmäßigkeit zurückgeführt werden die Strophen immer mit einem mehr oder weniger unreinen Reim der letzten beiden Verse jeder Strophe. So gestalten auch Metrum und Reimschema diese Liste einer liebenswert imperfekten Idylle.

Auf den ersten Blick fällt aus den kinderliterarischen Veröffentlichungen ein Werk heraus: 2012 erschien Supermann im Supermarkt, ein sogenanntes „Gedicht in zwölf Bildern“ im Peter Hammer Verlag; ein Bilderbuch mit collagierten Bildern von Eva Muggenthaler und Text von Arne Rautenberg. Jede Doppelseite bietet mit jeweils einer vierhebig trochäischen Gedichtstrophe eine neue chaotische Situation, wenn Supermann etwa Obsttürme baut oder Chipstüten platzen lässt. Wenn hier der Supermann beim Einkaufen den Supermarkt zerlegt, während, wie man nur den Bildern entnehmen kann, seine Katze zu Hause genervt auf Futter wartet, ist das in seiner Absurdität, in den Wortwiederholungen (jede Strophe beginnt mit „supermann im supermarkt“) und den komischen Reimen („auweia!“ reimt sich beispielsweise auf „überraschungseier“) aber auch eine Vorwegnahme der Stilmittel, wie wir sie später beispielsweise in dem Gedicht zombies in kombis finden.

Rautenberg: unterm bett liegt ein skelett (Peter Hammer 2016)

Rautenberg: unterm bett liegt ein skelett (Peter Hammer 2016)

Was nämlich mit den einzelnen Gruselgedichten in den früheren Gedichtbänden als eine Spezialität von Rautenberg schon anklingt, wird dann mit unterm bett liegt ein skelett 2016 in Buchlänge ausgearbeitet: das komische Gruselgedicht für Kinder. Für diesen Band erhielt er 2016 den in diesem Jahr erstmals ausgeschriebenen Josef Guggenmos-Preis für Kinderlyrik.

Das Gruselpersonal dieses Bandes ist so originell und modern, wie man es nur von Rautenberg erwarten kann: Hier tummeln sich eine „geisterschnecke“, mehrere Skelette, manche davon „skatend“, außerdem „zombies in kombis“, die „gruselsuse“, der „rosa vampir“, ein Zyklop und „der smartphonefresser“ (vgl. Rautenberg 2016). Die aus den anderen Veröffentlichungen bekannten Sprachspiele, Lautmalereien, Listenstrukturen und intertextuellen Bezüge auf kinder- und allgemeinliterarische Traditionen werden hier ins Gruselig-Komische gewendet; der Klappentext, der „40 Gedichte zum Gruseln und Kichern“ ankündigt, ist völlig zutreffend: Die Gedichte sind durchaus nicht alle harmlos, sie nehmen kindliche Ängste ernst, nehmen oft eine überraschende Wendung. So begründet auch die Jury des Josef Guggenmos-Preises die Prämierung des Gedichtbandes:

Seine Formen wählt er abwechslungsreich, dabei immer treffsicher, zu tiefem Humor ebenso wie zu tiefem Sinn fähig. Kinder amüsieren sich an dem Grusel, weil sie spüren und wissen, dass er inszeniert und nicht wirklich ist – wie bei einer Geisterbahn (Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur 2016).

Susan Kreller schreibt über diesen Band: „Die Gedichte […] sind von düsterer Nonchalance und huldigen dem schwarzen Humor ebenso wie der enormen Skala (kinder)lyrischer Strukturen“ (Kreller 2017, S. 37).

Mit vier kerzen drei könige zwei augen ein stern, mit Grafiken von Katrin Stangl, erschließt Rautenberg überraschend einen weiteren Themenbereich für sich: Er variiert und modernisiert das Weihnachtsgedicht für Kinder. Auch hier fallen vor allem die komischen, spielerischen und intertextuellen Effekte auf, etwa wenn in haarbacadabra traditionelle Weihnachtslieder die Inspiration für Frisuren geben: „lasst uns froh und munter sein / flechtet mehr lametta ein“ (Rautenberg 2019, S. 13); interessant ist in diesem Gedicht, dass Rautenbergs Metrum jeweils für einen Vers lang nach dem Zitat auch in das Metrum des zitierten Weihnachtsgedichts einfällt. Die Erneuerung der Tradition des Weihnachtsgedichts erfolgt auf formaler Ebene durch freie Rhythmen, Neologismen, Reimkomik und Wortneuschöpfungen, auf inhaltlicher Ebene durch die Parodie der erzieherischen Traditionen des Weihnachtsgedichts und die Umdeutung einzelner Verse bekannter Weihnachtslieder. Auch die Tradition des Krippengedichts sowie der Variation dieses Motivs wird bei Rautenberg fortgeführt, wenn er in etwas wärme in fast flapsiger Sprache die Tiere in der Krippe das Jesuskind wärmen lässt. Wie schon bei Klabund (1890-1928) in Weihnacht kommt der Katze eine besondere Rolle zu:

miau macht es
im krippenwind
ne katz rollt sich
zum jesuskind
(Rautenberg 2019, S. 27).

Uwe-Michael Gutzschhahn schreibt in seiner Rezension zu diesem Gedichtband:

Rautenbergs spielerische Leichtigkeit kommt auch in diesem Buch zum Tragen. Selbst da, wo ein wenig Moral aufzublitzen scheint, kippt der Dichter sie jedes Mal aus ihrer Bräsigkeit, die kein Kind mehr hören will. Und doch macht Rautenberg das Weihnachtsfest niemals runter, er gibt ihm nur einen völlig neuen und unbekannten Schwung (Gutzschhahn 2019).

In kuddelmuddelremmidemmischnickschnack 2020 mehren sich die poetologischen Gedichte oder zumindest die Gedichte, in denen über das Schreiben oder verschiedene Kunstformen teils ironisch reflektiert wird. Das titelgebende Gedicht wortschatz scheint als poetologische Liste die Eigenschaften der Kinderlyrik selbst zu verkörpern, wenn hier sogenannte „wunderworte“ als „wortschatz“ aufgezählt werden: Zwischen vier jambischen Quartetten erstreckt sich über 15 Verse eine trochäische Listenstrophe, die aus ‚komischen‘ Wörtern besteht, wie etwa:

du sprichst von:
ätschibätschiglitzerflummi
kuddelmuddel
zickzack
von ballaballa
doppelmoppel
flitterkram und
flickflack
(Rautenberg 2020, S. 16 f.).

Mit den Neologismen und Onomatopoetika, die verbunden durch zahlreiche Binnenreime hier sprachspielerisch eine funkelnde Wunder- oder Schatzkammer der Sprache und des Dichtens bilden, werden gewissermaßen Rautenbergs Kindergedichte selbst charakterisiert: Sie sind kreativ und sprachspielerisch, geprägt von Klangerlebnissen und Komik. Rautenberg selbst reflektiert das Spielerische seiner Lyrik:

Gedichte demonstrieren einen anderen Umgang mit Sprache, einen verspielten, der auf Überraschung und ein höheres Verstehen aus ist. Kinder verstehen das sofort, weil sie noch einen anarchischen Wesenszug in sich tragen, welcher der Poesie ja auch zu eigen ist (Rautenberg 2021b, S. 51).

Auch im aktuellen Gedichtband, 15 kilokolibri, gibt es wieder sprachspielerische Gedichte, etwa das verwirrende gespräch zweier kakadus, das beginnt:

kakaich?
nee kakadu!
kakaich?
ja kakadu!
(Rautenberg 2021a, S. 12).

Hier wie auch in eigentlich all seinen anderen Gedichtbänden finden sich Bezüge zu (kinder)literarischen und folkloristischen Traditionen, wie etwa Rätselgedichte (eulenzauber), Zungenbrecher (vogelzungenbrecher, dreimal schnell hintereinander sagen) und Aitiologien (wie die rotkehlchen zu ihrem Namen kamen). Und auch wenn das Thema das Bandes, die Vogelwelt, zunächst überraschend wirkt, gilt ja: Auch Gedichte über Vögel lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen.

Ein Aspekt der Rautenberg’schen Lyrik, nämlich ihre auch visuelle und typographische Seite, kommt in 15 kilokolibrinoch stärker zum Tragen als in den vorherigen Gedichtbänden. Zwar gibt es auch zuvor schon Gedichte, die man als konkrete Poesie charakterisieren könnte, in denen also das Schriftbild des Gedichts tatsächlich ein Bild zu ergeben scheint; im ‚Vogelband‘ mehren sich aber solche Gedichte: die vögel ist auf dem Hintergrund einer Himmelsgrafik von Stangl als Vogelformation angeordnet, möchte echt kein wurm gewesen sein ergibt in den sich untereinander schlängelnden Einwortversen das Bild eines Wurmes, ein weiteres Gedicht (Rautenberg 2021a, S. 32) erzeugt im Spiel mit Buchstaben und ihrer Wiederholung und Anordnung sowohl das Wort „VOGEL“ als auch das Bild eines Vogels, in mein lieber schwan sind die Verse geschwungen wie ein Schwanenhals, der Text von der bartgeier ist in Form eines Eis angeordnet und in vogelfluglinie ergibt sich eine ebensolche durch die Anordnung der Buchstaben. So schließt sich hier auch der Kreis zu Rautenbergs Erwachsenenlyrik und seiner Bildkunst; die Kindergedichte und ihre optischen Qualitäten sprechen sicherlich Kinder auch schon vor dem Lesealter an, verweisen aber eben auch auf Rautenbergs Werk für Erwachsene mit Ausstellungen und Veröffentlichungen von optischen Gedichten. Auch in seinem Verzicht auf normgerechte Groß- und Kleinschreibung sowie Zeichensetzung nähert sich Rautenberg der modernen Lyrik für Erwachsene an.

Ewers attestiert – bezogen auf das Gesamtwerk – ebenfalls diese Annäherung an die Erwachsenenlyrik, wenn er schreibt, dass Gutzschhahn und Rautenberg eine Linie fortsetzen, in der sich etwa bei Guggenmos die Kinderlyrik zu einer „Erwachsenenlyrik auch für Kinder“ entwickelt hat, in der fundamentale Unterschiede zur Erwachsenenlyrik eingeebnet werden (vgl. Ewers 2021, S. 7), oder, wie Susan Kreller es formuliert, Kinder „genüsslich mit den Möglichkeiten moderner Poesie vertraut“ gemacht werden (Kreller 2017, S. 36). Zudem sollte nicht vernachlässigt werden, dass sich auch in Rautenbergs kinderliterarischem Werk immer wieder überraschend ernste Töne finden, in denen er einfühlsam auf kindliche Gefühle und Alltagssituationen eingeht. Dennoch bleibt als wesentliches Merkmal seiner Kinderlyrik das Komische und Spielerische dominant.

Arne Rautenberg selbst charakterisiert seine Kinderlyrik folgendermaßen: „Kinder sehen offen und hell in die Zukunft, das finde ich super und möchte es nicht ausbremsen. Deswegen setze ich in meinen Kindergedichten aufs Lustig-Verdrehte, auf Überraschungen, viele Tiere und Reime“ (Rautenberg 2021b, S. 50).

 

4 Rezeption

Arne Rautenberg ist einer der renommiertesten und bekanntesten Vertreter der aktuellen Kinderlyrik. Seine Kindergedichte finden Eingang in eigentlich jede aktuelle Kinderlyrik-Anthologie, meist sind sogar mehrere Gedichte von ihm zu finden. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, etwa neben dem genannten Josef Guggenmos-Preis 2016 mit dem Kulturpreis der Stadt Kiel 2020 und dem Rompreis der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo 2022.

Uwe-Michael Gutzschhahn bezeichnet Rautenberg zu Recht als einen der „neuen Autoren“ der „Wiedergeburt der Kinderlyrik“ seit „Mitte der Zehnerjahre des neuen Jahrtausends“ (Gutzschhahn 2021, S. 107) und schreibt – dies beispielhaft an einem Gedicht von Rautenberg zeigend – über diese neue Kinderlyrik: „Alles geht hier von dem Spiel mit der Sprache aus“ (ebd., S. 113).

 

Literaturverzeichnis

Primärliteratur (nur Kinderlyrik-Bände)

  • der wind lässt tausend hütchen fliegen. Gedichte für neugierige Kinder. Illustriert von Karsten Teich. Köln: boje 2010.
  • supermann im supermarkt. Bilderbuch mit Eva Muggenthaler. Wuppertal: Peter Hammer 2012.
  • montag ist mützenfalschrumtag. Illustriert von Jens Rassmus. Wuppertal: Peter Hammer 2014.
  • unterm bett liegt ein skelett. gruselgedichte für kinder. Illustriert von Nadia Budde. Wuppertal: Peter Hammer 2016.
  • rotkäppchen fliegt rakete. neue gedichte für kinder. Illustriert von Jens Rassmus Wuppertal: Peter Hammer 2017.
  • vier kerzen drei könige zwei augen ein stern. 24 Weihnachtsgedichte. Illustriert von Katrin Stangl. Wuppertal: Peter Hammer 2019.
  • Gedichte für alle. Illustriert von Nadia Budde. Wuppertal: Peter Hammer 2020.
  • fünfzehn kilokolibri. gedichte zum Illustriert von Katrin Stangl. Wuppertal: Peter Hammer 2021a.

Sekundärliteratur/Sonstige Quellen

  • Ewers, Hans-Heino: Vom Reichtum der Kinderlyrik. In: allmende 41 (2021), Nr. 108, S. 5-8.
  • Gutzschhahn, Uwe-Michael: Ein Treffen mit Ottos Mops am Ka-em-zwei-ein. Anmerkungen zur gegenwärtigen Kinderlyrik. In: Literatur im Unterricht. Texte der Gegenwartsliteratur für die Schule (2021), H. 2, S. 7-117.
  • Hammerschmid, Michael: o.t.. In: Claudia Maria Pecher/Markwart Herzog (Hrsg.): es war einmal ein ABC, das ärgerte ein DEF. Gedanken und Skizzen zur Kinderlyrik. Volkach: Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur 2021, S. 8-13.
  • Kreller, Susan: Gedicht am Horizont. In: JuLit 43 (2017), H. 3, S. 37-41.
  • Rautenberg, Arne: 5 Fragen – 5 Antworten. In: allmende 41. (2021), Nr. 108, S. 50 f. (= Rautenberg 2021b).

Internetquellen

  • Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur: Josef Guggenmos-Preis 2016. In: akademie-kljl.de, 2016 [letzter Aufruf: 01.03.2022].
  • Gutzschhahn, Uwe-Michael: Eingestreute Kritik: Arne Rautenberg „vier kerzen drei könige zwei augen ein stern“. In: dasgedichtblog.de, 2019 [letzter Aufruf: 01.03.2022].